Gertrud Scherf: Zum Geleit

Zum Geleit

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten

Denn „signatura“ ist scientia,
durch die alle verborgenen Dinge
gefunden werden.
Paracelsus

Spannende Unterhaltung mit subtilem Schauer und ein bisschen Hintersinn, das wollen die Geschichten in diesem Buch vermitteln. Sie sind durch den Titel der Sammlung untereinander und zugleich mit der Signaturenlehre verbunden. In dieser uralten Erkenntnismethode fand der geniale und umstrittene Arzt, Philosoph, Naturforscher und Alchemist Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus. Zum Geleit, (1493 – 1541) eine Grundlage für sein Forschen und Handeln: Naturstoffe, insbesondere Pflanzen, weisen durch äußere Eigenschaften wie Form und Farbe auf das verborgene Innere, also auf Wesen und Wirkung als Heilmittel. In den Geschichten deutet jeweils äußerlich Wahrnehmbares auf verborgene Zusammenhänge und Vorgänge: Ehe oder während sich das Unheimliche ereignet, erscheint ein Zeichen, eine Signatur, die aber vom Menschen nicht oder nur unzureichend erkannt wird.

Die Geschichten sind keine Volkssagen und wollen diese Literaturgattung auch nicht nachahmen. Sie berichten aber wie viele Volkssagen vom Einbruch des Jenseitigen in eine Alltagswelt. Die Erschütterung der Ich-Erzählerin wird nicht oder nur verhalten beschrieben. Gefühle werden nicht ausgebreitet oder gar erläutert, sondern sie drücken sich in Zuständen und Handlungen aus: Inneres stellt sich durch Äußeres dar. Dieser Kargheit und Zurückhaltung entspricht eine einfache und knappe Sprache. Sie bildet, ähnlich wie die Sprache der Volkssagen, einen Kontrast zu den tief greifenden oder dramatischen Geschehnissen, von denen erzählt wird.

Der Einbruch des Jenseitigen kann sich als äußeres Ereignis darstellen oder in Seele und Erleben der Erzählerin geschehen. Diese zeigt sich – als Beobachterin, als Teilnehmerin oder gar als Verursacherin – je unterschiedlich stark in das Geschehen einbezogen.

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Dies ist das Geleitwort zu dem Buch / eBook
Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag

 

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Gertrud Scherf, Signaturen, mysteriöse Geschichte,

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Manfred Schröder: Liisa

Liisa

© Manfred Schröder

Liisa war alt und sehr einsam. Zwar gab es viele Menschen in dem Haus, in dem sie lebte, doch außer einem flüchtigen Lächeln, welches ihr manchmal im Flur entgegenkam, war Liisa für sie wie ein welkes Blatt, das bald vom Baume fallen würde.

Sie empfing nichts und konnte auch nichts geben. Trotzdem lauschte sie auf die Schritte des Postboten und blickte gespannt und voller Sehnsucht auf den Schlitz in der Tür; dass eine Botschaft, wie ein Frühlingsvogel, ins Zimmer geflogen käme. Doch die Schritte gingen vorüber und sie wandte sich schweigend ab.

Eines Tages zog ein Lächeln über ihr faltiges Gesicht. Sie wusste jetzt, wem sie schreiben würde. Und sie wusste auch, dass sie immer eine Antwort bekäme. Noch am selben Tag kaufte sie Tinte und Feder und kostbares weißes Papier. Es sollten keine gewöhnlichen Briefe sein.

Es war Frühling geworden; und wenn sie nach draußen blickte, bemerkte sie seit langer Zeit wieder, wie schön die Welt war.

Und am nächsten Morgen, die Sonne schien durch das geöffnete Fenster, nahm sie Tinte, Feder und das blütenweiße Papier und schrieb in kleiner und behutsamer Schrift ihren ersten Brief.

„Liebe Liisa …“

Sie schrieb über ihre kleinen Freuden und Sorgen, über ihre Katze, die vor Kurzem gestorben war und an der sie so gehangen hatte. Über ihren Sohn im fernen America, der sie einlud, ihn und seine Familie zu besuchen. Auch dass sie jetzt eine Freundin habe, mit der sie oft im Park spazieren gehe.

Es wurde ein langer Brief, den sie, als sie ihn zu Ende geschrieben hatte, sorgfältig faltete und in einen Umschlag steckte. Sie brachte ihn noch am selben Tag zur Post.

Seit jenem Tage wartete sie voller Ungeduld in ihrem Zimmer. Und wenn sie die Schritte des Postboten vernahm, öffnete sie die Türe, um den Brief persönlich in Empfang zu nehmen.

P.S.: Liisa Perhonen ist vor Kurzem gestorben. In mir ist nicht nur Trauer, sondern auch große Scham.

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Kurzgeschichte, Manfred Schröder, Liisa, Alter, Altwerden, Frauen, Einsamkeit

Gertrud Scherf: Lesesaal

Lesesaal

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse GeschichtenIch glaube, ich bin seit meiner Studienzeit nicht mehr hier gewesen. Die Theke im Eingangsbereich ist neu. Damals gab es auch noch keine Computer im Publikumskatalog. Aber der Sachkatalog ist wie früher in Kästen und auf Karteikärtchen untergebracht. Da kenne ich mich aus und kann mir ein paar Titel raussuchen. Der kleine Pfarrbrief-Artikel, um den mich unser Herr Pfarrer gebeten hat, soll ja keine wissenschaftliche Abhandlung werden.
Der freundliche Herr an der Auskunft war zu meiner Zeit noch nicht da. Ich zeige ihm den Zettel mit den Buchnummern, er schaut in seinen PC und erklärt mir dann, wo ich die gewünschten Bücher finde. Mit ein wenig Stolz in der Stimme sagt er, dass es neuerdings einen zweiten Lesesaal gibt. Er steht auf, geht voraus in den Lesesaal und deutet auf die Tür am hinteren Ende. Die kenne ich, sie war früher immer verschlossen. Jetzt lässt sie mich ein. Sie klemmt ein wenig, ich muss dagegen drücken, beim Öffnen entsteht ein knarrendes Geräusch, das mir peinlich ist. Entschuldigend schaue ich mich um und mir scheint, dass einige der Leser an den Tischen vorwurfsvoll zu mir blicken. Auch das Schließen der Tür geht, obwohl ich mir Mühe gebe, nicht ohne Geräusch, diesmal ist es eher ein Klagelaut.
Ich stehe in einem spärlich erleuchteten großen Raum ohne Fenster. Es ist warm und feucht und es riecht nach alten Büchern. Ein anderer Duft mischt sich darunter, den ich nicht zuordnen kann. An den Wänden stehen hölzerne Regale, im hinteren Bereich sind Metallregale quer gestellt. Irgendwie unpassend wirkt das große gerahmte Foto. Es hängt an einem freien Wandplatz und zeigt das Porträt eines schwarz gekleideten, streng schauenden Herrn, wohl eines Geistlichen. So schauen die heute weder auf Fotos noch in der Realität aus. Fast alle wollen jetzt aufgeschlossen und freundlich wirken. Der Herr an der Wand hat vielleicht vor langer Zeit das Amt des Bibliotheksleiters nebenbei mitversehen. Das ginge jetzt bei den vielen Aufgaben wohl auch nicht mehr.
In den hinteren Regalen ist offenbar die Beleuchtung ausgefallen, die Titel und Buchnummern auf den Bücherrücken sind kaum zu erkennen. Aber gerade dort müssten die drei Bücher stehen, in denen ich Informationen über die Kräutersegnung an Mariä Himmelfahrt zu finden hoffe. Eine Taschenlampe wäre gut, aber das wusste ich daheim noch nicht.
Ich habe geglaubt, im Raum allein zu sein, deshalb erschrecke ich ein wenig, als ich hinten einen dunkel gekleideten Mann stehen sehe. Er hat ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und liest darin. Offenbar hat er, anders als ich, gute Augen.
Ein wenig gewöhne ich mich an die Dunkelheit, beim Suchen meiner Buchnummern nähere ich mich dem Mann, grüße ihn leise, als ich nur noch ein paar Meter entfernt bin. Er schaut nicht auf und antwortet nicht. Ich komme mir aufdringlich vor, aber das lässt sich leider nicht ändern, da sich das gesuchte Buch wahrscheinlich neben dem Regal befindet, vor dem er steht.
Die Kleidung des Herrn wirkt schon etwas exzentrisch, um nicht zu sagen theatralisch. Er trägt einen üppigen weißen Spitzenkragen, der teilweise von den langen braunen Haaren bedeckt ist, Hose, Jacke und Stulpenstiefel sind schwarz. An einer silbernen Halskette hängt eine durchbrochene Metallkugel. Ich glaube, der fremdartige Duft, den ich gleich am Anfang wahrgenommen habe, kommt aus dieser Kugel – krautig, zudem nach Salbei, Ysop, Lavendel, auch Safran ist dabei. Sehr angenehm.
Ich bin nun noch etwa zwei Meter von dem Lesesaal-Besucher entfernt. Da wendet er mir sein Gesicht zu – er trägt irritierenderweise Schnurrbart und Spitzbart – weist mit dem Finger auf eine Stelle im Buch und erklärt: „Da tät ich’s finden:
Matrici succus si subditur illius, ante quam fiat coitus, mulier non concipit inde.
Hat Odo Magdunensis vor über 500 Jahren notiret. Und die Barbel hat auf der Tortur bekannt, dass sie dies receptum verwendet.“
Ich habe den Eindruck, dass er von mir eine Antwort erwartet und stammle: „Ja, sicher, sehr interessant.“
Selbstverständlich habe ich weder den lateinischen Satz verstanden (obwohl ich in Latein immer gute Noten hatte), noch weiß ich, was der Fremde meint. Er scheint aber erfreut über seinen Fund und deshalb will ich ihn nicht enttäuschen.

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Gertrud Scherf: Hexenspiel

Hexenspiel

© Gertrud Scherf

Gertrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse GeschichtenAuf Anna war Verlass. Davon waren wir alle überzeugt. Sicher, in ihrer zurückhaltenden Art passte sie nicht so ganz zu uns; sie war auch selten nach den Proben in die Pizzeria „Da Giovanni“ mitgegangen. Aber: Man konnte sich auf sie verlassen. Zu sämtlichen Proben und immer pünktlich war sie erschienen, dabei wohnt sie weit draußen. Die Texte, die sie als Hauptdarstellerin zu bewältigen hatte, beherrschte sie noch jedes Mal und sie spielte auch immer überzeugend. Niemand konnte verstehen, warum Anna kurz vor Beginn der Vorstellung nicht da war. Unser Spielleiter Hans Huber versuchte immer wieder, sie telefonisch zu erreichen. Anna hat nur eine Festnetznummer, kein Handy, was den, der sie kennt, nicht wundert.
Sabine hatte nie ernsthaft damit gerechnet, Annas Rolle übernehmen zu müssen, doch genau das kam jetzt offenbar auf sie zu. Ganz blass war die Arme geworden, als Hans Huber ihr sagte, sie solle sich fertig machen. Jetzt saß sie in der Garderobe vor ihrem Schminktisch und sah aus wie ein Häuflein Elend.
In der großen Mehrzweckhalle füllten sich die Sitzreihen. Honoratioren und andere Bürger kamen, dazu etliche Touristen, die das Drama um Agnes Prantner sehen wollten. Die junge Frau – sie stammte aus einem längst eingemeindeten Dorf – war 1709 in unserem Markt als Hexe verurteilt und hingerichtet worden. Vor zwei Jahren hatte unser Heimatpfleger alte Dokumente entdeckt. Das Lokalblatt berichtete darüber, und es gab einige Aufregung, denn von diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte wollte eigentlich niemand Genaueres wissen. Aber Udo Schneider ließ sich nicht beirren, sondern las, entschlüsselte, übersetzte und konfrontierte die Öffentlichkeit in Artikeln und Vorträgen mit den verstörenden Fakten. Ludwig Fresenius, der Konrektor unserer Hauptschule, machte daraus ein Tragödienstück und schlug vor, es am Todestag von Agnes, am 30. April, aufzuführen. Man hatte damals die Hinrichtung bewusst vor die Walpurgisnacht gelegt, so entnahm Schneider den Akten, damit die Hexe nicht durch Teufelszauber noch ein Mal am Hexensabbat teilnehmen, damit weitere Schuld auf sich laden und der ewigen Seligkeit auf immer entsagen müsste.
Zunächst gab es unter den Bürgern eine fast einhellige Ablehnung der verrückten Idee, aber mit seinem pädagogischen Geschick und seiner Hartnäckigkeit war es Fresenius gelungen, immer mehr Bürger, schließlich auch Bürgermeister und Marktgemeinderat für sein Projekt zu gewinnen. Auf einmal sah man die Sache so: Mit der Aufführung eines Dramas zur 300. Wiederkehr ihres grausamen Todes konnte man eine Markttochter ehren und ein wenig von dem ihr angetanen Unrecht sühnen, außerdem Werbung für unseren Ort machen und vielleicht den Fremdenverkehr beleben. So hatte auch ich nicht gezögert, die Rolle der Barbara, der Widersacherin der Agnes, zu übernehmen.
Jetzt war ich nervös wie alle anderen. Gerade als Sabine seufzend den Umkleideraum verließ, öffnete sich die Tür zum Gang und Anna Weber kam herein. Sie schien weder abgehetzt noch nervös und sah in ihrem einfachen Kleid für die 1. Szene zart, zerbrechlich und sehr schön aus.
„Gott sei Dank!“, ließ sich Sabine hören, und wir anderen riefen und fragten Anna, was denn geschehen sei, warum sie jetzt erst komme. Aber die schüttelte nur den Kopf und deutete zur Bühne. Dort hatte unser Bürgermeister gerade mit seiner Begrüßungsrede begonnen. Ich hörte nicht zu, sondern rekapitulierte zum x-ten Mal meine Texte.

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Kurzgeschichte, Gertrud Scherf, Signaturnen, mysteriöse Geschichte, Hexenspiel, Hexe, Walpurgisnacht, Theater, Probe

Manfred Schröder: Vater und Sohn

Vater und Sohn

© Manfred Schröder

„Mein Sohn“, sagte eines Tages Papa zu seinem Sprössling, „es ist Zeit, dass du die wichtigsten Dinge des Lebens kennenlernst. Hast du verstanden?“

Klaus, so hieß der Sprössling, legte ein wenig seinen Kopf zu Seite, kniff sein linkes Auge zu und nickte. Er war sieben Jahre alt und hatte schon das Aussehen von Papa, doch eher die Klugheit Mammas, die, soweit sie es vermeiden konnte, dies ihrem Egon nicht anmerken ließ.

Doch den Egon interessierten weder Klugheit, noch sonst etwas, das Gerda hochhielt, sondern Fußball. Mochten andere Gedichte auswendig kennen; Egon hatte alle Tabellen und Ergebnisse im Kopf.

„Also, mein Sohn. Du weißt, was ein Ball ist.“

Natürlich wusste er, was ein Ball ist. Vor Kurzem durchschlug er das Fenster des Nachbarn zum goldenen Tor. Doch da dieser, welcher vom Fußball zwar keine Ahnung hatte, doch ein verständiger Mann war, geschwiegen hatte, drang das Torergebnis nie an die Öffentlichkeit.

„Ja, natürlich weiß ich, was ein Ball ist.“

Papa nickte. „Sicher mein Sohn, weißt du es. Der Ball ist rund. Wie unsere alte, gute Mutter Erde. Wer sich dessen bewusst ist, darf sich schon klug nennen.“

Klaus blickte durchs Fenster. Er wäre jetzt lieber nach draußen gegangen und hätte mit Dieter Fußball gespielt.

Papa schien nachzudenken und legte seine Stirne in Falten. Er lächelte. „Und was ist die Bestimmung eines Balles?“

Klaus seufzte. Er musste an die zerbrochene Fensterscheibe denken. Lieber mal nichts sagen. Papa wird es schon erklären.

Ja, er tat es. „Es ist das Tor. Denn nur das zählt. Man kann dumm wie ein Huhn sein …“

Aus der Küche erklang das Lachen von Mamma.

„… wenn nur der Ball ins Schwarze trifft. Das heißt, ins Tor. Und weißt du, wer wirklich Ahnung vom Fußball hat? – “

Klaus zuckte mit den Schultern und Papa hob den Zeigefinger.

„Es ist weder der Trainer, noch der Schiedsrichter. Nein! Es ist der Zuschauer. Glaub es mir. Nur der Zuschauer!“

„So wie dein Vater“, erklang es wieder aus der Küche.

Doch Papa sagte nichts, weil er sich über solches Reden erhaben fühlte.

„So ist es mein Sohn!“

„Ach, Papa“, dachte Klaus. Er wusste, dass Fortuna Düsseldorf sein Lieblingsverein war. Doch die kraxelten irgendwo in der Amateurliga herum.

Papa erwähnte oft den Fußballgott. Und Klaus hatte sich manchmal Gedanken gemacht, was dies für ein Wesen sein könnte. Lohnte sich mal zu fragen. „Papa, was ist ein Fußballgott?“

Dieser setzte eine gewichtige Miene auf. „Du wirst es vielleicht noch nicht verstehen. Der Fußballgott hilft allen jenen, die an ihn glauben.“

Klaus kratzte sich am Ohr. „Doch warum hilft der Fußballgott denn nicht Fortuna Düsseldorf?“

Na, jetzt war Papa in Verlegenheit und suchte nach Worten.

Dann erklang wieder die Stimme von Mutter: „Dein Papa sollte lieber mit mir in die Kirche gehen und da beten. Vielleicht hilft das seinem Lieblingsverein.“

Klaus versuchte ernst zu bleiben, während Papa leicht seinen Mund verzog. In der Küche trällerte Mamma lustig ein Lied.

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Kurzgeschichte, Manfred Schröder, Fußball, Fußballgeschichte, Vater, Sohn, Fortuna Düsseldorf

Manfred Schröder: Wippi

Wippi

© Manfred Schröder

Ich traute meinen Augen nicht. Nein, das durfte doch nicht wahr sein! Da saß ein Zwerg mit abstehenden Ohren und Haaren in meinem Apfelbaum, der einzige in meinem Garten, und ließ es sich gut schmecken. Wie er doch mit seinen Zähnen, besser könnte es auch ein Hase mit einer Möhre nicht, in den Apfel biss. In meinen Apfel. Bestimmt einer von den Besten. So richtig schön rund und rot. Warte nur, du Puckel-Muckel! Ich werde dir helfen! Und mit energischen Schritten und Zorn im Herzen, eilte ich auf den Baum zu.
„He, was machst du da oben?“, schrie ich wütend.
Doch dieser kleine Wicht grinste mich bloß an und legte dann die seinen Finger auf den Mund. „Nicht so laut. Man könnte uns hier bemerken.“
Das musste ich mir anhören! Man könnte uns hören.
Du bekommst jetzt was von mir zu hören, dachte ich.
Doch bevor ich den Mund aufmachen konnte, um ihm ordentlich Bescheid zu sagen und dass er sofort vom Baum herunterkommen sollte, fragte er mit freundlicher Kumpelstimme: „Willst du auch einen?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, warf er mir einen Apfel zu. „Hier. Die schmecken gut.“
Natürlich schmecken die gut. Sind ja auch meine Äpfel. Ich war mir sicher, dass seine Augen grinsten.
„Warte“, sagte er, „ich komme herunter. Und fange die beiden Äpfel noch auf. Einen für dich und einen für mich!“
Bevor ich etwas sagen konnte, flogen sie schon durch die Luft und ich hatte Mühe, sie aufzufangen. Dann sprang er geschickt auf den Boden. Da lag viel Übung drin.
„Darfst den größeren behalten“, sagte er gönnerhaft.
Was sollte ich dazu sagen, wenn es einem die Sprache verschlug.
„Das ist aber lieb von dir“, konnte ich nur hervorbringen. – Er blickte mich an, wie ein alter Meister seinen Lehrling.
„Machst wohl zu ersten Mal so was, oder?“ Er nickte mir aufmunternd zu. „Komm, wir gehen von hier weg. Sonst erwischt uns noch der Eigentümer. Wer weiß, was das für einer ist.“
Ich atmete tief durch und versuchte wieder Fassung zu gewinnen. Um ihn endlich klar zu machen, wer hier der Herr im Hause ist, im Garten. Ich hatte meinen Mund schon geöffnet, doch er kam mir wieder zuvor. „Wir könnten uns hier jeden Tag treffen. Solltest aber den Weg dort an der Mauer nehmen. Ist sicherer.“
Und als wären wir vertraute Kumpane, reichte er mir die Hand. Ich konnte sie ja schlecht ausschlagen. Mir war ganz schwindelig im Kopf. So etwas passiert einem ja nicht jeden Tag.
Doch dann brach es aus mir heraus. Ein Lachen, das kein Ende nehmen wollte.
Der Knirps blickte mich besorgt an. Anscheinend dachte er, mir ginge es nicht gut. Als ich mich wieder beruhigt hatte lächelt er. „Ich habe schon richtig Angst gehabt, es wäre was mit dir. Übrigens; ich heiße Wippi; und du?“
Wippi! Ja. so siehst du auch aus.
„Ich heiße Mande.“
Er nickte. „Bis morgen, Mande.“
Dann hob er die Hand und war zwischen den Büschen verschwunden. Seitdem treffen wir uns hier jeden Abend.
Als ich mit Marjatta zwei Wochen später, jeder einen Korb in der Hand, zum Apfelbaum ging, wunderte sie sich. „So wenig Äpfel in diesem Jahr!“

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Kurzgeschichte, Manfred Schröder, Apfel, Wicht,

Manfred Schröder: Heiß oder lauwarm?

Heiß oder lauwarm?

© Manfred Schröder

Sicher, alle Wege führen nach Rom. Doch auch an Paris, das nicht nur eine Reise wert ist, sondern für manchen Zeitgenossen auch eine Sünde, führt kein Weg vorbei.

Auch ich bin des Öfteren in Paris und besuche, wie jeder kulturbeflissene Europäer das – wie oft eigentlich schon – Musée du Louvre und erwidere das Lächeln der Mona Lisa, die als perfekte Kopie auf Legionen von Besuchern spöttisch, geheimnisvoll, oder wie auch immer, herabblickt. Ebenfalls erweise ich dem Panthéon, Notre Dame (Quasimodo lässt schön grüßen) und dem Röhrenungestüm Centre Georges Pompidou, meine Reverenz.

Und es war im letzten Jahr, ich war alleine in Paris, meine Frau hatte mich mit einem leisen Seufzer ziehen lassen, als sich meine Beine wie von selbst zur Place Pigalle verirrten, die ja auch jeder kulturbeflissene Europäer kennt. Nun, wen sah ich da, vor einer Bar stehen? Ich traute meinen Augen nicht. Irma la Douce, mit ihrem Markenzeichen, dem weißen Pudel auf dem Arm. Als ich näher trat, natürlich nur aus Neugierde – honi soit qui mal y pense! – zeigte sie mir ihr schönstes Lächeln.

„Na, wie wärs’s mit uns beiden, mein Süßer“, schmeichelte sie. „Machen wir es mal so richtig heiß?“

Natürlich hätte ich sofort weiter gehen müssen, doch ich fragte, und weiß immer noch nicht warum, ein wenig überrascht und auch irritiert nach dem Preis.

Ihr Lächeln wurde breiter und schöner. „200 Euro. Aber nur weil du es bist!“

Ich kratze an meinen Hinterkopf. „Leider habe ich nur 50 Euro bei mir.“

Ihr Lächeln ebbte ab und sie überlegte eine Weile. „Na, gut“, sagte sie. „Dann machen wir es halt nur lauwarm!“

Ach, ja Paris!

Ich muss da noch an jemanden anderen denken. Als der Bildhauer Karl Hartung kurz nach dem Ersten Weltkrieg als Zwanzigjähriger für drei Jahre nach Paris ging, lernte er noch die beiden französischen Skulpteure Bourdelle und Maillol kennen, die auf ihn einen großen Einfluss ausübten. Aufgrund eines Schreibfehlers, löste folgender Satz in einem Brief, den er an seine Freunde in Deutschland schrieb, große Heiterkeit aus:

„Bordelle und Maillol, haben mich ganz in ihren Bann gezogen.“

Übrigens, im nächsten Jahr wird meine Frau mich wieder nach Paris begleiten.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Paris, Manfred Schröder, Bordelle,

Patricia Koelle: Das gelöschte Land

Ferne Heimkehr

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Flaschenpost vom MeerDurch die Stille des Gebäudes huschte ein fremdes Geräusch. Philip Stehling ließ die Besucherstatistik fallen. Das Museum war längst geschlossen. Nur Thilo vom Aufsichtsdienst war noch da. Philip arbeitete gern um die Zeit; er mochte die Ruhe im Büro. Außerdem wollte er am Tag vor seinem Urlaub alles ordentlich hinterlassen.
Philip steckte den Kopf aus dem Büro. „Thilo?“
Thilos Schritte näherten sich aus den hinteren Räumen. Das Geräusch aber war aus dem oberen Stockwerk gekommen. „Ja, Chef?“
Philip war nur Verwalter, schon seit einem halben Leben, aber er konnte Thilo nicht abgewöhnen, ihn wie den Direktor zu behandeln. „Haben Sie gerade was gehört?“
„Nein, Chef. Aber ich geh nachsehen.“ Thilo kannte Philip Stehlings übersensible Ohren. Wenn der ein Geräusch hörte, dann war da auch eins gewesen.
Philip mochte keine Geräusche. Sie setzten sich wie eine Erschütterung in seinem Kopf fort und hallten lange nach, ein Irrgarten aus Echos. Sie gaben ihm das Gefühl von Zerbrechlichkeit, als könnten sie ihn und die Welt um ihn zerspringen lassen. Oft litt er an Schwindelanfällen. Er hörte nie Musik. Er hasste Verkehrslärm. Vogelzwitschern und Grillenzirpen waren das Äußerste, was er ertragen konnte. Darum fuhr er mit seiner Lisa nur im Sommer in den Urlaub, wenn dickflüssige Hitze stumm auf Wegen und Wiesen lag und träge fast alle Töne verschluckte. Meist an die Ostsee, die so friedlich war, dass ihre Wellen nur plätscherten, an eine einigermaßen einsame Küste, denn er ertrug weder Flugzeugmotoren noch das Gekreische an überlaufenen südlichen Stränden. Berge mochte er nicht, er fühlte die Druckunterschiede. Lisa hatte zum Glück nichts gegen die Ostsee, außerdem liebte sie Philip mitsamt seinen empfindlichen Ohren.
Er war in einen Kostenvoranschlag für Hygrometer vertieft, als Thilo klopfte. „In Raum siebzehn ist der Korb einer Baumwollpflückerin im dritten Diorama heruntergefallen“, berichtete er. „Sagen Sie dem Restaurator Bescheid? Ach, und Chef, einen schönen Urlaub!“
Sehr früh am nächsten Morgen, als die Straßen noch schwiegen, starteten Philip und Lisa Richtung Norden. In der Nacht war das Thermometer nicht unter neunzehn Grad gesunken, und der Wind schlief.
So begann eine Reihe lautloser Spätsommermorgen und traumstiller Abende, an denen sie durch taufeuchte Wiesen und am Meer entlangstreiften, dem Alltag fern und sich selbst genug. Lisa trocknete sich nach dem Schwimmen eilig und schlug nach den Mücken. „Von den Viechern wären hier weniger, wenn wenigstens ein bisschen Wind wäre!“, rief sie.
„Mir gefällt es, wie es ist“, sagte Philip. Er trieb noch bewegungslos auf dem Rücken und lauschte zufrieden den Wolken.
Die Mücken waren ungestörte tanzende Funken im flachen roten Licht. Der Strandhafer stand kerzengerade. Die Silberpappeln hinter den Dünen behielten ihr Silber für sich und wirkten grün wie jeder andere Baum, da keine Bewegung durch ihre Blätter fuhr und die Unterseite nach oben kehrte.
Weit draußen hinter der Sandbank lief ein Kräuseln über die Wasseroberfläche. Eine Möwe stob krächzend auf. Ein Segelboot schwankte für einen Augenblick, der den Mann, der an Bord döste, nicht einmal weckte. Ein unaufmerksamer Surfer fand sich im Wasser wieder, ohne es sich erklären zu können. Dann war alles wieder still. Helle Quallen pulsierten in ihrem uralten langsamen Tanz nahe der Oberfläche, als bewege sich sonst nichts auf der Welt.
Nachts zeichnete der Mond eine wandernde weiße Zeile auf das glatte schwarze Meer. Nur einmal wurde sie von einer Lücke zerrissen. Eine seltsame Strömung unterbrach die Spiegelung und zog das Mondlicht in die Tiefe, wo es Muschelscherben weiß aufleuchten ließ, die in einem plötzlichen Strudel aufstoben und unter Wasser einige Meter auf die Küste zutanzten wie ein Kinderkreisel, bevor sie wieder reglos in das Sandbett fielen.
Am nächsten Tag ging Philip Lisa zuliebe früher mit ihr an den Strand, ehe die Mücken kamen. Dafür waren mehr Menschen da. Sie lagerten ölglänzend auf grellbunten Handtüchern oder sprangen jubelnd mit Bällen umher, bis ihnen der Schweiß in die Augen lief und sie sich im schlaffen Wasser abkühlen gingen. Philip suchte einen möglichst freien Platz, etwas weiter oben am Dünenhang. Er döste ein wenig, versuchte, die Stimmen um ihn zu verdrängen und in friedliches Bienengesumm umzudichten, während Lisa Richtung Sandbank hinausschwamm.
Philip schreckte auf, als er Lisa rufen hörte.

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Patricia Koelle: Flaschenpost vom Meer
Patricia Koelle
Flaschenpost vom Meer
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Patricia Koelle: Ferne Heimkehr

Ferne Heimkehr

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Flaschenpost vom MeerWelcher Teufel ihn an diesem Abend ritt, werde ich wohl nie herausfinden. Seit fast zwanzig Jahren hatte ich Clemens kaum gesehen. Dann traf ich ihn auf einer Vernissage in Bennos Café. Ich war wie immer mit Kellnern beschäftigt, schmierte nebenbei Brötchen und erklärte zwischendurch den Gästen die Bilder von dem Künstler, der zwar gerade „in“ war, aber seine Werke selbst dem wissbegierigen Fachpublikum nicht verständlich machen konnte. Es war eigentlich nicht erstaunlich, dass Clemens hier auftauchte, er interessierte sich leidenschaftlich für Kunst. Verblüffend nur die Vertrautheit, die sofort zwischen uns aufblitzte, obwohl da nie etwas gewesen war außer dieser seltsamen Seelenverwandtschaft, einer ungewöhnlichen Freundschaft. Clemens war schließlich mein Archäologieprofessor gewesen. Ich kannte seine Frau, sie war reizend zu mir. Und darum war da außer einer gelegentlichen ziemlich kameradschaftlichen und schmetterlingsleichten Berührung bei der Arbeit eben nichts.
Clemens und ich hatten fast jeden Tag zusammen gearbeitet, hatten uns über Karten gebeugt und durch Lupen gespäht. Wir kannten unzählige historische Orte beim Namen und irgendwie gehörten sie alle uns.
Seit ich mit meinem Studium fertig war, waren Clemens und ich uns nur noch alle paar Jahre über den Weg gelaufen, auf Veranstaltungen wie dieser oder auf Tagungen, ohne dass wir mehr als einige Worte gewechselt hatten. Ich lernte, ohne ihn zu leben und zu lieben. Natürlich, seine Stirnfalten brachten mich immer noch durcheinander, wenn ich ihn sah, seine sprunghafte, leichte Art, sich auf seiner Schuhgröße neununddreißig zu bewegen und sich mit völliger Konzentration auf ein ihm neues Thema zu stürzen wie ein Fisch auf den Köder. Aber ganz bestimmt hatte ich nicht ahnen können, dass er sich diesmal beim Abschied plötzlich und ohne jede Vorwarnung nach vorne lehnen und mich küssen würde. Wir standen in der winzigen Garderobe und ich hatte gerade seinen abgeschabten Mantel unter den anderen hervorgefischt. Er überrumpelte mich völlig, sonst hätte ich mich rechtzeitig zur Seite gedreht. Denn ich wusste, was passieren würde. Vor einem Vierteljahrhundert hatte ich oft genug davon geträumt. Sein Kuss schmeckte dunkel, nach Tränen, Nordsee und dem Lachs vom kalten Buffet. Er erschütterte den Boden, auf dem ich stand, und ich würde ihn nicht vergessen. Dann war Clemens fort, winkte unbekümmert noch kurz durchs Fenster, ehe der Bahnhof ihn verschluckte.
„Jula, die Oliven sind alle!“, rief Benno und winkte mich Richtung Küche.
Mechanisch öffnete ich Gläser, füllte Schälchen, bediente.
Nach Mitternacht gingen die letzten Gäste. Wir räumten noch auf, wuschen ab, wischten, und dabei bat ich Benno um drei Tage Urlaub. In meiner winzigen Wohnung angekommen, rief ich Sina an. Sie gehört zu den Freundinnen, die man nachts um halb zwei anrufen kann, ohne Fragen gestellt zu bekommen.
„Wir fahren nach Dänemark, zelten“, erklärte ich.
„Okay“, sagte sie, „wann?“
Sie ist selbständige Fotografin, eine Motiv-Safari kommt ihr immer gelegen. Und niemals würde sie es für verrückt halten, im Oktober an einem nördlichen Meer zu campen.
Ich war auf der Flucht, vor Clemens und der Stadt, die nie schlief und in der man sich nicht denken hören kann. Es war aber gleichzeitig eine Flucht nach vorn, hin zu etwas. Ich wusste nur noch nicht zu was.

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Patricia Koelle: Grüne Namen

Grüne Namen

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: FrühlingsgeschichtenEs war einer dieser Tage im Mai, an denen man nur einmal zu blinzeln braucht, und wenn man die Augen wieder aufmacht, sind knallgelbe Löwenzahnblüten da, wo man gerade noch auf grauem Asphalt gelaufen ist. Die Sonne ließ die bröckelnden Backsteinpfosten am Friedhofstor erröten und die Kastanienbäume grüne Finger ausfahren. Harry lehnte sich auf seine Hacke und grub ein Taschentuch aus seiner Gärtnerhose, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Gestern hatte er noch eine Jacke gebraucht.
Manche Freunde verstanden nicht, warum er gern auf dem Friedhof arbeitete. Er mochte es, dass jedes Grab ein anderer kleiner Garten war und die Menschen ihren Frieden hatten. Bei diesem Wetter schien es ihm, als würden sich sogar die Grabsteine aufrichten und erfreut der Sonne entgegenstrecken. Das Unkraut allerdings tat es auch, und darum steckte er das Taschentuch wieder ein und machte sich daran, den Kälberklee von Fritz Holander und seiner Frau Gertrud zu entfernen.
„Tonio“, rief er über die Schulter, „kommst du endlich?“
Kollege Tonio polterte noch im Geräteschuppen herum, dann steckte er den Kopf aus der Tür. „Sag mal, hast du den Handmäher benutzt?“
„Nee, wieso?“
Tonio zog die Schuppentür zu und gesellte sich zu Harry. „Jemand muss ihn benutzt haben. Der ist voll nasser Erde und Grashalme und der Schuppenboden ist voller Klumpen. Dabei steht der Mäher doch schon ewig in der Ecke. Wer soll den denn anfassen, wir haben doch jetzt den Motormäher.“
„Komisch“, sagte Harry, dachte aber nicht weiter darüber nach. Wen stören schon an einem solchen Tag ein paar Klumpen Erde auf einem Schuppenboden.
„Ist aber nicht richtig. Der Mäher rostet doch“, sagte Tonio, der eine Schwäche für Werkzeug hatte.
„Ist doch jetzt egal.“
Friedlich hackten sie sich den Weg entlang. Grab für Grab blieb hinter ihnen frisch und sauber zurück. Eine Amsel hüpfte um sie herum in der Hoffnung auf Regenwürmer. Als sie bei Lieselotte Freier angekommen waren, setzten sie sich auf die kleine Bank zu ihren Füßen und teilten sich eine Flasche Wasser und eine Tüte Brezeln.
Harry hörte plötzlich auf zu kauen. „Tonio, da!“ Er zeigte mit der Wasserflasche an dem Engel mit dem abgebrochenen Flügel vorbei, der seit siebenunddreißig Jahren auf Lieselotte aufpasste. Hinter ihrem Grab begann die Wiese, die die anonyme Grabstätte bedeckte. In den letzten Tagen war das Gras aufgegangen wie Hefeteig. Es reichte dem Engel schon fast bis zu den Knien, und Harry hatte vor, es nach der Mittagpause zu mähen. Mit dem Motormäher machte das jetzt sowieso richtig Spaß.
Tonio kniff die Augen zusammen. „Da stimmt was nicht.“
Sie schenkten einem Spatz die Brezelkrümel und gingen nachsehen, warum die Wiese aussah, als wäre ein Frisör dort Amok gelaufen.
Frische Schneisen zogen sich an scheinbar unregelmäßigen Stellen durch das hohe Gras. Aber sie hatten etwas zu bedeuten.
„Anna“, las Tonio. „Gerd.“
„Und Karl. Und Elsa. Was soll das?“
So etwas war Harry in all den Jahren auf dem Friedhof noch nicht vorgekommen. Mal ein Graffiti, ja. Sogar ein umgestoßener Grabstein oder ein paar herausgezogene Pflanzen. Aber Namen auf einer Wiese?
„Vielleicht ist jemand verliebt?“, sagte Tonio.
„In vier Leute? Nee, nee, da steckt was anderes dahinter. Aber immerhin wissen wir jetzt, wozu dein Handmäher benutzt wurde. War der Schuppen nicht abgeschlossen?“
„Weiß nicht. Doch, ja. Eigentlich schon.“
„Also, wir mähen jetzt ordentlich“, beschloss Harry. „Ehe das einer von der Friedhofsverwaltung sieht. Und heute schließt du richtig ab.“
Sie löschten also eilig Anna, Gerd, Karl und Elsa und hinterließen eine samtig glatte Wiese und einen Duft nach jungem Gras und Leben.
In dieser Nacht träumte Harry von Karl und Elsa. Sie saßen eng beieinander auf einer gelb karierten Picknickdecke auf der Friedhofswiese und aßen Schokoladentorte. Elsa trug ein langes, altmodisches Kleid und Karl einen seltsamen Hut.
Am nächsten Morgen kontrollierte Harry als Erstes den Schuppen. „Ich fasse es nicht. Der Mäher wurde wieder benutzt!“
„Aber der Schlüssel war doch noch an seinem Platz.“
Der Schlüssel lag immer in einem der vielen Astlöcher in einer Kastanie. Nur Tonio und Harry kannten das Versteck.
Sie eilten zur Wiese. Der Mäher musste diesmal auf ganz niedrig gestellt worden sein, denn im frisch gemähten Gras waren erneut deutliche Spuren. Das Gras war dort jetzt so kurz, dass die braune Erde hindurchschimmerte und die Namen deutlich zu lesen waren. „Wilhelm. Karoline. Annamarie.“
„Er steigert sich“, stellte Harry fest.
Diesmal konnten sie nichts machen. Harry drehte den Rasensprenger auf und streute ein wenig Dünger, damit sie bald wieder mähen konnten.
Harry war wortkarg an diesem Tag. Als sie Feierabend machten, sagte er: „Ich werde heute Nacht Wache schieben. Ich möchte wissen, wer das ist und was das soll. Bist du dabei?“
„Nachts? Auf dem Friedhof?“
„Wir sind doch keine kleinen Jungs mehr. Glaubst du wirklich, Lieselotte Freier wird uns als klapperndes Skelett verfolgen?“
„Na gut. Wenn du meinst.“
Sie trafen sich, als die Nacht den Frühlingstag gerade beiseite geschoben hatte und kleine Motten einen dunklen Tanz über den Stiefmütterchen begannen. Harry und Tonio saßen auf einer Bank, von der aus sie den Eingang zum Friedhof und den Geräteschuppen im Auge hatten. Ein Holunderbusch gab ihnen Deckung. Hofften sie jedenfalls.
Nichts Unheimliches geschah. Ein paar Fledermäuse jagten Mücken um die Kastanienbäume herum, aber nicht einmal Tonio fürchtete sich vor ihnen.
Ungefähr um elf stieg der Mond in ein paar versprengte silbergraue Wolken auf. „Gestern muss Vollmond gewesen sein“, sagte Harry.
„Sonst hätte der auch nicht genug gesehen, um so lange Namen schreiben zu können.“
Die einzigen Lampen auf dem Friedhof waren die Laterne am Eingang und die am Ende des Hauptweges, der schnurgerade vom Tor am Geräteschuppen vorbei bis zu Lieselottes Engel und der Wiese führte.
Harry war fast eingenickt, als Tonio ihn am Ärmel packte. “Guck, da!“, flüsterte er.

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Patricia Koelle: Frühlingsgeschichten
Patricia Koelle
Frühlingsgeschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
eBook Kindle Edition

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Grün, Friedhof, Schlafwandler

Patricia Koelle: Die beste Karte

Die beste Karte

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: FrühlingsgeschichtenEs war Ende März. Aus einem reglosen milchweißen Himmel fiel neuer Schnee auf alten, und Krokusknospen waren mitten beim Luftholen zu Ausrufezeichen erstarrt.
Frank warf triumphierend den Kreuz Buben auf das Karo As. „Fuchs gefangen! Im letzten Stich!“
Das war Glück gewesen. Er konnte sich heute nicht konzentrieren. Die Standuhr an der Wand gegenüber hielt ihm gnadenlos vor die Nase, dass die Stunden verpufften. Ihm blieben nur wenige, um sich für den Ort zu entscheiden, dem er möglicherweise den Rest seines Lebens anvertrauen würde.
„Schon wieder“, brummte Rudi aus seinem Rollkragenpullover heraus und fing missmutig an, die Punkte zu zählen.
„Dieses Jahr hört der Winter nicht auf“, stöhnte Nadine. „Man müsste an einem Palmenstrand liegen. Stattdessen spielen wir ewig Doppelkopf und quälen uns auf dem Heimweg durch Berge von Matsch und grauem Granulat, in dem man erst recht ausrutscht und das man nachher aus seinen Stiefeln kratzen muss.“
„A propos Palmen“, sagte Rudi und mischte die Karten neu, „was ist nun mit dem Angebot, Frank?“
Frank warf Nadine einen ärgerlichen Seitenblick zu. Der Winter war tatsächlich lang gewesen wie Kaugummi und erschütternd kalt. Trotzdem wollte er nicht an Palmen denken. Rudis Frage missfiel ihm. Er hatte das Problem verjagen wollen wie eine aufdringliche Mücke, obwohl er bis morgen um sieben Uhr eine Antwort finden musste. Nicht nur Rudi wollte sie hören, sondern vor allem der Chef. Keiner von beiden würde sich in Luft auflösen.
Er versuchte, sich die Palmen vorzustellen, einen weichen Strand, sanfte Luft. Aber das Bild verschwamm sofort wieder. An seiner Stelle tauchte Janas Gesicht auf, Jana, die im Nachbarhaus aufgewachsen war, Jana, die ihm heute wie jeden Morgen seine Bananen verkauft, Jana, mit der ihn nie mehr verbunden hatte als Kameradschaft. Frank hatte drei Beziehungen hinter sich, keine davon mit Jana. Das konnte er sich noch nicht einmal vorstellen. Aber es gehörte zu seinem Leben, dass er über die Jahre verfolgen konnte, wie sich die Lachfalten in ihren Augenwinkeln vermehrten und in Richtung ihrer Grübchen aufmachten. Die ersten hatte sie schon mit dreizehn gehabt. Er fühlte sich sicher, solange diese Strahlen am Rande seines Lebens gegenwärtig waren.
Diese Begründung allerdings wollte er Rudis Spott nicht zum Fraß vorwerfen. Vom Chef ganz abgesehen.
„Was für ein Angebot?“, fragte Kai und verteilte die Karten.
„Na, Franks Chef will ihn doch nach Florida beordern, um seine neue Zweigstelle zu führen. Und der Verrückte da denkt wirklich noch darüber nach, anstatt nach dem Köder zu schnappen wie ein hungriger Barsch nach dem Regenwurm.“
„Wenn ich ablehne, bedeutet das nichts Gutes für meine Zukunft“, sagte Frank und starrte düster auf die vier Asse in seiner Hand. „Er wird mich auf irgendeinen unbedeutenden Posten abschieben. Der konnte es noch nie ertragen, wenn jemand Nein zu einem seiner Vorschläge gesagt hat, und sei es nur, den Lieferanten der Kugelschreiber zu wechseln.“
„Aber er scheint eine Menge von dir zu halten“, sagte Kai. „Frank, das ist eine Riesenchance. Du bist gesund, im besten Alter und gerade solo. Was hält dich hier?“
Nichts, was ich so einfach erzählen könnte, dachte Frank.
Nadine stupste ihn mit dem Ellenbogen an. „Du musst Herz bedienen“, sagte sie.
„Menschenskind“, polterte Rudi, „Wie kannste da überhaupt nachdenken? Jeden Winter muss ich den Flug nach Thailand teuer bezahlen, ewig im Flieger sitzen, nur um ein paar läppische Wochen nicht zu frieren und mir die verdienten Massagen zu gönnen. Mensch, du könntest in der Sonne leben. Ich würde überallhin gehen, wo es keinen solchen dreckigen Winter gibt.“
„Bekommst du mehr Gehalt dafür?“, fragte Nadine.
„Na klar bekommt er mehr Gehalt“, sagte Rudi. „Der Job ist wie ein gewonnener Trumpf-Solo! Hast du nun Herz oder nicht?“
Frank legte eine Herz Zehn auf den Tisch. Er musste es tun, er hatte sie blank.
„So viel hättest du nicht geben müssen, ich steche sowieso“, sagte Nadine und legte eine Kreuz Dame mitten darauf. Von der Herz Zehn war nur noch die Null zu sehen.
„So wie ich das sehe, gibt es außer deiner Trägheit keinen vernünftigen Grund abzulehnen“, stellte Kai fest.
„Stimmt“, sagte Frank. Einen vernünftigen Grund gab es wirklich nicht.
Und er war ein vernünftiger Mensch. Seine Eltern hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass nur vernünftige Menschen eine Daseinsberechtigung haben.
Dass ihn Palmen nicht die Bohne interessierten, weil er jedes Jahr dem ersten Schneeglöckchen entgegenfieberte und diese winzige zärtliche Erwartung nicht missen mochte, war kein vernünftiger Grund, und auch keiner, der für jemanden wie Rudi oder den Chef mehr als Zigarettenasche bedeuten würde, die man achtlos abstreifen kann.
Aber wie konnte er das Land verlassen, in dem er als Vierjähriger bäuchlings auf einem Heidschnuckenfell, das seine Großmutter aus der Lüneburger Heide mitbrachte und das er für den Inbegriff alles Exotischen hielt, gelegen und ein Ost- und ein Westsandmännchen gesehen hatte? Er hatte gedacht, die Träume kämen nicht, wenn nicht beide bei ihm gewesen wären. Ein Land, dessen vorübergehende Zerrissenheit durch eine Mauer, die für die einen tödlich war und an der andere kurzerhand ihre Gartengeräte aufhingen, er erst viel später begriffen hatte, und in dem er sich doch jederzeit ganz und geerdet fühlte.
Ein frisches Graubrot hatte damals genau eine Mark gekostet. Er fühlte sich erwachsen, als seine Mutter ihm das erste Mal eine solche Mark anvertraute und ihn allein zum Bäcker schickte. Es gab einen Keks umsonst vom Verkäufer und den Geruch einer Welt, die ihre Ordnung hatte und schmeckte. Auf dem Heimweg biss er von der noch warmen, dampfenden Kruste ab.
Inzwischen gab es die Mark nicht mehr, und sie hätte auch nicht mehr für einen ganzen Brotlaib gereicht, aber der Geruch hatte sich nicht geändert; und Frank fragte sich, ob er im Gegensatz zu damals, als er sich so groß fühlte, nicht wieder kleiner würde, wenn er ihn gegen irgendeinen südlichen Duft eintauschte.
„Ihr habt verloren“, sagte Kai und betrachtete zufrieden den Stapel Stiche vor sich.
„Will jemand noch’n Kaffee?“, fragte Nadine.

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Patricia Koelle
Frühlingsgeschichten
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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Frühling, Frühlingsgeschichte

Sabine Ludwigs: Gilda mit den Rattenschwänzchen

Gilda mit den Rattenschwänzchen

© Sabine Ludwigs

Zuerst schaffe ich es nicht, zu Gilda hinzusehen.

Ich stehe da, mit hängenden Schultern und will einfach nur weinen.

Mein Herz liegt schwer in dem zu engen Brustkorb – und doch weiß ich, dass ich es tun muss.

Davor habe ich Angst.

Nach Minuten, die sich endlos dehnen, wende ich langsam den Kopf, hebe die Lider und schaue in den hellen Sarg.

Gilda trägt die Sachen, die ich Frau Wehner vom Beerdigungsinstitut gegeben habe: ihre Lieblingsjeans, das rosa Millefleurs-Shirt, dazu die Riemchensandalen, und doch sieht sie ganz anders aus. Irgendwie fremd.

Schuld daran ist diese Frisur.

Gildas flusiges, honigfarbenes Haar legt sich jetzt in sanften Wellen um ihr rundes Gesicht, als wäre sie ein Kinderengel aus der Renaissance. Es schimmert unnatürlich, beinahe wie poliertes Kupfer.

Unwillkürlich strecke ich die Hand aus und streichele darüber. Es fühlt sich eigenartig hart an, nicht flaumig wie ich es kenne.

„Was haben Sie mit ihrem Haar gemacht?“, frage ich Frau Wehner. „Wo sind ihre Spangen?“

Sie tritt neben mich. „Sie mögen es nicht?“

„Nein.“ Ich schüttele den Kopf und plötzlich bin ich aufgebracht. „Nein! Das ist nicht Gilda. Sie trug ihr Haar geflochten … wie auf dem Foto.“

Ich zeige auf das Bild in dem hohen, gusseisernen Ständer, der morgen für den Trauergottesdienst in der Kirche aufgestellt wird.

Darauf trägt Gilda dieselben Jeans und das Shirt wie im Sarg. Mit großen grünen Augen schaut sie lachend in die Welt und ihre im Sonnenlicht glänzenden Haarsträhnen sind zu kinnlangen, dünnen Zöpfen gebunden, die ein bisschen vom Kopf abstehen.

„Rattenschwänzchen“, sage ich und breche ich in Tränen aus. „Rattenschwänzchen! Verstehen Sie?“

Frau Wehner nickt. Sie verlässt den Raum und kommt kurz darauf mit einer kleinen Kiste zurück. Darin sind Sprühflasche, Bürsten, Kämme und Gildas knallrote Schleifenspangen.

Frau Wehner stellt alles auf ein Tischen in der Nähe, danach geht sie zu Gilda. Sie redet leise mit ihr. Von da, wo ich stehe, kann ich nicht verstehen, was sie sagt, aber ich höre das warme, beruhigende Murmeln ihrer Stimme und tue nichts, als sie mein Kind behutsam aufsetzt, einen Arm darum legt, mich dann ansieht und wartet, dass ich es tue.

Also nehme ich eine Bürste mit ganz weichen Borsten, einen Kamm, die Spangen und kämme das Haar meiner Tochter.

Ich tue es wie immer.

Mit langsamen, behutsamen Bewegungen, damit es auf der Kopfhaut nicht wehtut. Einige Härchen laden sich statisch auf. Es knistert schwach und sie stehen wie ein feines Gespinst aufrecht. Ich bürste und bürste, bis das Haar sich wieder geschmeidig anfühlt.

Mit dem Kamm ziehe ich schließlich einen Scheitel am Hinterkopf, teile Haarsträhnen ab, flechte die Zöpfe. Das Haar ist so fein, dass es mir manchmal durch die Finger rutscht, und ich brauche viel Geschick, bis die Rattenschwänzchen fertig sind.

Sie stehen ein bisschen ab, wirken kess, wissbegierig, mutig und zugleich ein wenig verletzlich. Fröhlich und vorwitzig, kindlich, zärtlich, lustig und laut.

Ich lächele.

Ja.

Das ist sie!

Gilda mit den Rattenschwänzchen.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Sabine Ludwigs, Haare, Haargeschichte, Rattenschwänzchen, Sarg, Beerdigungsinstitut, Trauergottesdienst, Kirche

Eva Markert: Freds beste Kundin

Freds beste Kundin

© Eva Markert

Im Februar, also vor weniger als einem halben Jahr, hatte sich Marita plötzlich ein äußerst exklusives Hobby ausgesucht. Es handelte sich sozusagen um eine allumfassende, eine geradezu radikale Freizeitbeschäftigung, die auch entsprechend teuer war. Das Geld, das sie dafür benötigte, sparte sie sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Munde ab. Nicht nur, dass sie weiterhin in der winzigen Wohnung im fünften Stock eines Hauses ohne Aufzug wohnte und überall zu Fuß hinging, sie trank auch hauptsächlich Wasser und kaufte nur die allernötigsten Lebensmittel und möglichst solche, die weniger kosteten, weil das Verfallsdatum bereits überschritten war.
Aber es gab auch Bereiche, in denen sie überhaupt nicht sparte – im Gegenteil, wo ihr das Beste gerade gut genug war! Ihre Kleidung zum Beispiel entsprach immer der allerneusten Mode, und sie ging regelmäßig zu Fred. Jeden Freitag Nachmittag pünktlich um vier Uhr kam Marita in seinen Frisiersalon und setzte sich immer auf einen Platz am Fenster. Dort ließ sie sich von ihm verschönern. Er färbte ihr die Wimpern und Augenbrauen und wusch, schnitt, färbte und fönte ihr Haar.
Marita nahm sogar einen ziemlich langen Weg zu Fred in Kauf. Sie brauchte ihn, nicht nur als Frisör, sondern unter anderem auch als Zuhörer. An ihm konnte sie überprüfen, wie glaubwürdig sie wirkte.
Marita wurde die beste Kundin des Frisiersalons, und Fred kannte sie mittlerweile schon recht gut. Dennoch war er oft überrascht, wenn sie sein Geschäft betrat, denn jedes Mal sah sie wieder ein wenig anders aus. Sie schminkte sich immer sehr auffällig, aber das war noch nicht alles. Manchmal merkte er nicht sofort, was sich verändert hatte. Dann wurde Marita ganz unruhig und fragte ihn schließlich, ob ihm denn gar nichts an ihr auffiele.
Neulich zum Beispiel hatte er auf ihre Frage hin länger überlegt und war trotzdem nicht dahintergekommen. Da erzählte sie ihm, dass sie sich ihre Lippen hatte aufspritzen lassen. Natürlich, das war des Rätsels Lösung! Ihre Lippen waren vorher schmal und immer blass geschminkt gewesen, und nun schienen sie geschwollen und sahen unter anderem auch wegen des neuen, rötlichbraunen Lippenstifts eher aus wie zwei fettig glänzende Regenwürmer. An jenem Tag war Marita ziemlich schweigsam. Wahrscheinlich fürchtete sie, ihre prallen Lippen könnten aufplatzen.
Aber sonst sprach sie immer sehr viel mit ihm, zum Beispiel auch über ihre ungewöhnlichen Interessen. Das heißt, so ungewöhnlich waren ihre Freizeitbeschäftigungen nun auch wieder nicht, nur hätte man nicht vermutet, dass ein Mädchen wie Marita ihnen nachging.
Es war einfacher gewesen, eine andere Veränderung in ihrem Gesicht festzustellen. Ein breites Pflaster, das sie sich über ihre Nase geklebt hatte, war dabei sehr hilfreich.
Es hinderte Marita auch nicht daran, wieder ausführlich die Ergebnisse der letzten Bundesligaspiele mit ihm zu diskutieren. Dieses Mädchen ging tatsächlich jeden Samstag ins Stadion! Fred kannte keine andere Frau, die das tat. Und im Laufe der Zeit hatte sich Marita wirklich recht solide Kenntnisse über Fußball angeeignet. Warum nur wurde Fred das Gefühl nicht los, dass sie Spielernamen und Fachausdrücke lernte wie Vokabeln in der Schule?
Durch ihre verpflasterte Nase schwärmte sie auch näselnd von einem neuen Star, der mit seinem Song überraschenderweise die Charts gestürmt hatte. Aber Fred hatte auch hier wieder den leisen Verdacht, dass ihre Begeisterung nur aufgesetzt war. Sicher, sie wusste gut Bescheid über Popmusik und Popstars, aber Fred fand immer, Mozart würde eigentlich viel besser zu ihr passen.
Aber auch wenn Marita viel redete – eines erzählte sie ihm nie: warum sie tat, was sie tat. Fred hätte zu gern gewusst, warum sie sich so unbedingt verändern wollte!
Als sie eine Woche später wiederkam, war das Pflaster über ihrer Nase verschwunden. Fred sah, dass ihr Nasenrücken etwas weniger fleischig erschien als vorher. Ehrlich gesagt, machte es keinen großen Unterschied. Während er ihr den Frisierumhang umlegte, beobachtete Marita ihn gespannt im Spiegel und wartete. Und natürlich tat er ihr den Gefallen. Überschwänglich lobte er ihre neue, ihre klassisch schöne, ihre edle, wahrhaft griechische Nase. Marita hörte ihm zu, und ihre Augen strahlten.
Maritas Augen, das war noch so eine Geschichte. Fred hatte damals ernsthaft überlegt, ob er ihr nicht einmal ausnahmsweise die Wahrheit sagen sollte. Marita hatte recht hübsche, wasserhelle Augen, die sehr gut zu ihr passten. Aber eines Tages blickten ihn aus dem Spiegel zwei scharf stechende Augen an, die überhaupt nicht mehr wasserblau waren, sondern katzengrün glühten. Das Weiße in Maritas Augen war außerdem so rot, als ob sie stundenlang geweint hätte. Beinahe wäre Fred zurückgefahren vor Schreck.
„Was ist mit deinen Augen los?“, fragte er entsetzt. „Hast du eine Bindehautentzündung?“
Sie hatten sich ganz selbstverständlich von Anfang an geduzt, und inzwischen waren sie schon so gut befreundet, dass er sie so etwas fragen konnte.
Tränen quollen aus Maritas Augen. Ihr ganzes Augen-Make-up war schon zerlaufen. Sie schüttelte den Kopf. Nein, mit ihrer Bindehaut hatte das Ganze nichts zu tun. Es waren die grün getönten Kontaktlinsen, die sie sich heute zum ersten Mal in die Augen gequetscht hatten. Es tat weh, aber wer schön sein will, der muss bekanntlich leiden.
„Warum tust du das denn?“, fragte Fred verständnislos. „Deine natürliche Augenfarbe ist doch in Ordnung!“
Aber Marita fand katzengrüne Augen sehr viel interessanter als wasserblaue, und außerdem sah Grün besonders gut zu ihrem Haar aus.
Fred war von Berufs wegen Diplomat. Und er wollte Marita auch nicht enttäuschen. Dazu hatte er sie viel zu gern.
„Vielleicht werde ich mich ja noch an deine neue Augenfarbe gewöhnen“, sagte er. Aber eigentlich war er jetzt schon davon überzeugt, dass er dieses unnatürliche Giftgrün um ihre Pupillen herum abscheulich fand und auch immer abscheulich finden würde.
Eine Veränderung gab es jedoch, die Fred nicht übel fand: Marita war am Anfang ein wenig pummelig gewesen, und nun wurde sie zusehends schlanker. Er wusste nicht, dass sie oft nur von Wasser und Brot lebte, sondern dachte, es läge daran, dass sie viel Sport trieb.
Neulich hatte sie ihm nämlich erzählt, dass sie Bauchtanzkurse besuchte, und mehr als einmal deutete sie auch an, dass sie Unterricht im Kunststrippen nahm. Fred traute sich nicht, nach dem genauen Unterschied zwischen Strippen und Kunststrippen zu fragen. Aber was immer es auch sein mochte, es zeigte Wirkung. Seit einiger Zeit bewegte sich Marita ganz anders als vorher. Sie ging – nein, sie schritt – mit stolz erhobenem Kopf, während sie geradezu würdevoll einen hochhackigen Schuh vor den anderen setzte. Dabei wiegte sie sich in den Hüften, als ob sie auf einem schwankenden Schiff das Gleichgewicht halten müsste.
Manchmal fand Fred, dass sie vielleicht ein bisschen übertrieb. Außerdem hatte er den Verdacht, dass sie den Hosenboden ihrer knallengen Jeans ausgepolstert und auch noch an zwei weiteren Stellen der Natur ein wenig nachgeholfen hätte.
Ein anderer Punkt, der ihm ein wenig Sorgen machte, war Maritas Vorliebe für rote Haare. Zugegeben, ihre natürliche Haarfarbe, so eine Art mausiges Aschblond, war langweilig und sah nach nichts aus. Deshalb schlug Fred ihr mehrfach ein hübsches Goldblond vor, aber Marita bestand auf einem kräftigen Rot. Fred deutete vorsichtig an, dass Rot vielleicht nicht die ideale Farbe für sie wäre, aber Marita ließ sich nicht beirren. Inzwischen hatte sie schon alle möglichen Schattierungen ausprobiert: von Karotte über Tomate bis hin zu Weinrot. Schweren Herzens trug Fred immer wieder andere rote Farbmischungen auf. Im Augenblick hatten Maritas Haare zum Beispiel einen deutlichen Stich ins Violette.
Außerdem liebte sie verrückte Schnitte und gestaltete ihre Gelfrisuren so häufig um wie andere Leute ihre Socken wechseln.
„Warum willst du eigentlich so anders aussehen als du von Natur aus bist?“, fragte Fred sie eines Tages.
„Ich liebe nun mal die Abwechslung!“, war ihre knappe Antwort, aber er spürte ganz deutlich, dass noch viel mehr dahinter stecken musste.
Ob es damit zu tun hatte, was sie nach ihren Frisörbesuchen tat? Dann ging sie nämlich immer von Kopf bis Fuß durchgestylt in eine Diskothek in der Nähe und tanzte dort die ganze Nacht durch. Beim nächsten Mal erzählte sie Fred von den Typen, die sie dort kennen gelernt hatte. Fred fragte sich oft, wie weit diese Bekanntschaften wohl gingen. Er konnte sich trotz allem nicht vorstellen, dass Marita sich wirklich mit all diesen Männern einließ, und irgendwie hoffte er auch, dass sie es nicht tat.
Fred hätte sich darüber keine Gedanken zu machen brauchen, denn Marita ging es nur um ihren Plan. Nur deshalb wollte sie anders aussehen, und nur deshalb hatte sie Freds Frisiersalon überhaupt ausgewählt.
Immer wenn sie am Fenster saß und sich von Fred bedienen ließ, sah sie Dieter am Geschäft vorbei kommen. Manchmal war er allein, und manchmal hatte er ein Mädchen im Arm, jedes Mal ein anderes. Dieter wohnte noch in der Gegend, und jeden Freitag Nachmittag ging er ins Straßencafé gegenüber. Bei gutem Wetter setzte er sich auf die Terrasse und bestellte sich ein Pils oder auch zwei, und während er eine Zigarette nach der anderen rauchte, flirtete er mit seiner Begleiterin, oder aber er las in seiner Fußballzeitschrift, wenn er allein war. Marita fiel auch auf, dass er gern Passanten beobachtete und dass es vor allem Frauen waren, denen er nachschaute. Seinen Geschmack hatte sie schon lange durchschaut: angetan hatten es ihm vor allem die Schlanken mit den üppigen Kurven, die Langbeinigen, Rotmähnigen, die Schickimickis und die sexbesessenen Luder.
Es waren Mädchen, die so aussahen wie ihre Schwester. Nur dass ihre Schwester kein Luder gewesen war. Sie hatte eine schlanke, graziöse Figur gehabt und rötliche Haare , die besonders im Sonnenlicht wunderschön schimmerten, und ihre klaren, grünen Augen hatten immer so gestrahlt, wenn sie glücklich war. Von ihr hatte Marita auch erfahren, dass Dieter sich sehr für Fußball interessierte, und sie wusste auch, dass er jedes Wochenende in die Diskothek in der Nähe ging.
Vor genau einem halben Jahr hatten Marita und ihre Schwester Dieter in dieser Diskothek kennen gelernt. Die Ärmste war ja so naiv gewesen! Sie hatte ihn geradezu vergöttert und ihm alles geglaubt, zum Beispiel, dass er sie liebte und immer für sie da sein würde. Und tatsächlich hatte diese Beziehung auch viel länger gehalten als seine Liebschaften üblicherweise dauerten: nicht nur ein paar Tage, sondern ganze acht Wochen!
Aber dann, vor ungefähr vier Monaten, als es gerade Frühling geworden war, hatte er sie so mir nichts, dir nichts, von einem Tag auf den anderen, einfach von sich abgestreift wie eine lästige Fliege, und das nur wegen einer einzigen Nacht mit einer Frau, die gefärbte rote Haare und stechend grüne Augen hatte.
Das hatte ihre Schwester ihm nicht verzeihen können. Und heute war es genau drei Monate her, dass das schreckliche Unglück geschah. Marita war sich ganz sicher: nur Dieter hatte Schuld. Wenn Dieter nicht wäre, würde ihre Schwester noch leben. Dann wäre sie damals nicht so unglücklich gewesen. Dann hätte sie besser aufgepasst, wäre nicht betrunken Auto gefahren, hätte rechtzeitig gebremst, läge jetzt nicht in ihrem Sarg, in ihrem Grab, auf dem Stadtfriedhof.
Inzwischen neigte sich der Sommer schon seinem Ende entgegen, und sie hatte Dieter seit der Beerdigung nicht mehr getroffen. Sie hatte ihn zwar an Freds Frisörgeschäft vorbei gehen sehen, aber nie mit ihm gesprochen. Sicher hatte er schon längst das Abenteuer mit jener Frau vergessen, die sich im flackernden Licht der Diskothek so aufreizend bewegt hatte und deren rote Haare und grüne Augen er im schummrigen Halbdunkel seines Schlafzimmers wahrscheinlich gar nicht richtig wahrgenommen hatte.
Als Marita an diesem Tag den Frisiersalon verließ, benahm sie sich ein wenig sonderbar. Staunend sah Fred, dass sie auch nicht sofort aus seinem Blickfeld verschwand, sondern die Straße überquerte und geradewegs auf einen Mann zuging, der im Straßencafé gegenüber ein Bier trank. Gespannt verfolgte er, wie die Geschichte weiterging. Marita schien den Mann ansprechen zu wollen.
Die Türglocke ging scheppernd. Ein Kunde betrat das Geschäft. So ein Jammer! Fred hätte Marita zu gern weiter beobachtet!
Marita ahnte nicht, dass Fred ihr am Fenster mit seinen Blicken folgte. Sie stand inzwischen ganz dicht neben dem Mann. „Darf ich mich setzen?“ fragte sie. Dabei bemühte sie sich, ihre Stimme heiser erotisch klingen zu lassen.
Erstaunt sah der Mann von seiner Zeitschrift auf. Diese Stimme kam ihm irgendwie bekannt vor, aber Marita hatte Recht gehabt. Er erkannte sie nicht.
Ohne seine Antwort abzuwarten, setzte Marita sich hin und holte eine Zeitschrift aus ihrer großen Handtasche hervor.
„Sie lesen ‚Die Fußballwoche‘?“, fragte der Mann verwundert.
„Regelmäßig“, antwortete Marita. „Sie interessieren sich auch für Fußball?“
Schon bald waren sie in ein lebhaftes Gespräch über die Chancen und Schwierigkeiten des Lokalvereins vertieft. Der Ehrlichkeit halber musste Marita zugeben, dass sie Dieter immer noch unwiderstehlich finden könnte.
Fred hatte seinen Kunden schnell bedient, denn er wollte nur Trockenschnitt. Nun stand er wieder versteckt hinter der Fensterscheibe seines Geschäfts. Marita diskutierte noch immer lebhaft mit dem fremden Mann. Sie hatte sich auch ein Bier bestellt.
Gerade nahm sie den letzten Schluck aus ihrem Glas und stand auf. Zu Freds größtem Ärger ging genau in diesem Augenblick die Ladenglocke erneut, und eine Frau betrat das Geschäft. Ausgerechnet heute hatte sich seine Kollegin krank gemeldet, und er war allein im Salon. Aber diese Kundin wollte zum Glück nur schnell eine Dose Schaumfestiger kaufen.
Als Fred wieder ans Fenster trat und sah, was er sah, riss er seine Augen weit auf vor ungläubigem Entsetzen. Da stand doch seine Marita hinter dem Mann und bohrte ihm tatsächlich einen Revolver in den Rücken!
Fred konnte ja nicht wissen, dass ihr gar keine andere Wahl blieb. Sie musste es hier und sie musste es sofort tun. Als sie Dieter nämlich gefragt hatte, ob er heute Abend mit ihr in die Diskothek gehen würde, hatte er schnöde versucht, sie abzuwimmeln, und einfach behauptet, er wäre schon verabredet.
Das hatte Marita rasend wütend gemacht. Der ganze Aufwand – für nichts! All diese Veränderungen – vergebens! Er wollte sie nicht. Nicht mehr. Noch immer nicht.
Und in diesem Augenblick war ihr plötzlich alles egal. Sie sprang auf, riss den Revolver aus ihrer Tasche, und ehe der Mann es sich versah, stand sie auch schon hinter ihm.
„Es ist deine Schuld!“, schrie sie. „Wegen dir ist sie jetzt tot! Du bist schuld am Tod meiner Schwester!“
Der Mann wollte ebenfalls aufspringen, aber Marita zwang ihn mit ihrer Waffe, sitzen zu bleiben. „Du bist schuld, dass sie wegen mir gestorben ist!“ schrie sie. „Und nun werden wir auch sterben! Wir werden beide dafür büßen – du und ich!“
Der Mann bewegte sich wieder, aber Marita bohrte ihm den Revolver nur noch fester in seinen Rücken.
Inzwischen hatte sich viele Menschen angesammelt, die das Geschehen aus möglichst sicherer Entfernung beobachteten. Bestimmt hatte auch schon jemand die Polizei gerufen.
Da hielt es Fred nicht mehr in seinem Frisiersalon. Er riss die Tür seines Geschäftes auf und stürzte hinaus.
„Marita!“, rief er, während er über die Straße auf das Café zulief. „Marita, hör auf damit!“
Langsam wandte Marita ihm das Gesicht zu und sah ihm mit ihren katzengrünen Augen entgegen.
Inzwischen hatte Fred sie fast erreicht. „Komm mit mir!“, sagte er mit beruhigender Stimme. „Lass diesen Mann! Komm mit mir zurück in den Salon!“
Marita fühlte sich auf einmal wie ausgebrannt. Langsam ließ sie den Revolver sinken.
Der Mann sank mit bleichem, schweißnassem Gesicht auf seinen Stuhl zurück. Er atmete schwer. Marita betrachtete ihn kurz wie einen Fremden. War das wirklich Dieter, der Mann, an den sie seit Monaten Tag und Nacht hatte denken müssen?
Fred nahm sie bei der Hand. Anstandslos ließ sie sich von ihm über die Straße in den Frisiersalon führen.
„Färb mir die Haare, Fred!“, flüsterte sie kaum hörbar. „Färb sie mir aschblond!“

*

Eine weitere Geschichte von Freds Kundinnen, nämlich „Freds jüngste Kundin“ finden Sie in dem Buch
Abenteuer im Frisiersalon
Abenteur im Frisiersalon
Dr. Ronald Henss Verlag

 

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Eva Markert, Friseur, Friseurgeschichte, Haare, Frisur, Kundin

Eva Markert: Freds schwierigste Kundin

Freds schwierigste Kundin

© Eva Markert

Daniela und Ruth kannten sich schon seit ihrer Schulzeit und waren gut miteinander befreundet. Sie trafen sich oft, telefonierten regelmäßig und hatten keine Geheimnisse voreinander.
Im Frisiersalon allerdings ließ Ruth nur Danielas Chef an ihre Haare, denn sie war der festen Überzeugung, dass – falls überhaupt jemand dazu in der Lage war – Fred und nur Fred wusste, wie ihr Haar richtig gepflegt, getönt, geschnitten, gefönt und frisiert werden musste. Sie schien zu glauben, er habe ein geradezu übernatürliches Gespür dafür, welche Farbtöne und welche Frisuren ihr gut zu Gesicht standen.
Ruth waren ihre Haare immer schon sehr wichtig gewesen. Pünktlich jeden zweiten Freitag nach ihrer Arbeit im Büro kam sie in den Salon. Sie musste das einfach tun. Sonst fühlte sie sich nicht wohl. Fred hatte nichts gegen Stammkunden einzuwenden – im Gegenteil! Und im Grunde hatte er auch nichts gegen Danielas Freundin – ganz und gar nicht! Dennoch unterdrückte er oft einen kleinen Seufzer, wenn Ruth eintrat. Zwar hing sie mit gläubigen Kinderaugen an seinen Lippen, wenn er den fachkundigen Blick des wahren Meisters über ihren Kopf gleiten ließ und dabei allerlei Weisheiten über Haarstruktur, Trendfrisuren und hochmodische Farbtöne von sich gab, aber sie war eine höchst schwierige Kundin und kaum zufrieden zu stellen. Man konnte fast sagen, sie war regelrecht besessen von ihren Haaren. Und in der letzten Zeit wurde es immer schlimmer mit ihr.
Schon bei der Haarwäsche fing es an. Das Shampoo brachte Ruth immer selbst mit, denn im Salon gab es keins, das den gesteigerten Ansprüchen ihres empfindlichen Haares genügt hätte.
Daniela war heilfroh, dass Fred auch das Waschen übernahm. Es war nämlich unmöglich, genau die Wassertemperatur zu treffen, die Ruth für angemessen hielt. Das Wasser durfte auf keinen Fall zu kühl sein, damit das Haar gründlich gereinigt und das Fett restlos ausgespült wurde. Es durfte aber auch nicht zu heiß sein, damit die Talgdrüsen in der Kopfhaut nicht zu sehr angeregt wurden. Die Prozedur des Haarewaschens dauerte bei ihr doppelt so lang wie bei anderen Kunden, weil Fred immer wieder den Hebel des Wasserhahns ein wenig mehr nach rechts legen musste, dann wieder nach links, noch mal nach links, und noch einmal eine Spur nach rechts und so weiter und so fort. Ruth hatte inzwischen eine geradezu hysterische Angst entwickelt, ihre Haare könnten fettig werden und riechen. Daniela kannte zwar den Grund dafür, sie fand aber trotzdem, dass Ruth hier gewaltig übertrieb.
Das Tönen der Haare glich immer eine Angstpartie. Es war tatsächlich schon mehrmals vorgekommen, dass Fred ein wenig die Hände zitterten, wenn er die Tönungscreme auswusch und die Haare anschließend trocknete. Ruth hatte blassgelbe, etwas strohige Haare, träumte aber von einer Art leuchtendem, sonnigem Blond. Doch obwohl Fred schon alles, aber auch wirklich alles, was an Blondtönen auf dem Markt war, an ihr ausprobiert hatte, war es ihm noch nie gelungen, genau den Farbton zu treffen, den sie sich vorstellte.
„Das Blond hätte noch ein bisschen heller ausfallen können.“
„Ich hatte doch gesagt, dass meine Haare etwas dunkler werden sollten.“
„Vielleicht hätten Sie das Produkt länger einwirken lassen müssen.“
„Vielleicht war diese Tönungscreme nicht intensiv genug.
Solange es bei derartigen Äußerungen blieb, war die Sache ja noch harmlos. Aber in solchen Situationen konnte Ruth auch regelrecht hysterisch werden. Sie schimpfte dann laut und anhaltend und ohne Rücksicht auf andere Kunden, die sich noch im Laden befanden. Tränen waren auch schon in Strömen geflossen. Sehr peinlich war es Fred zum Beispiel gewesen, als sie ihn neulich als hoffnungslos unfähigen Versager bezeichnet hatte. Und nie würde er vergessen, wie sie vor vier Wochen geschluchzt hatte: „Was soll er bloß denken? – Was soll er bloß von meinen Haaren denken? – Diese Haarfarbe! Diese Frisur! – Was soll er bloß von mir denken?“ Und dann war sie überstürzt aus seinem Geschäft gerannt.
„Hat sie einen neuen Freund?“, hatte er Daniela damals gefragt.
Daniela nickte. Eigentlich sprach sie nicht über die Herzensangelegenheiten ihrer Freunde, aber hier war Ruth wirklich zu weit gegangen.
„Wer ist es denn?“ Fred war neugierig geworden.
Daniela überging die Frage. „Jedenfalls scheint er, was ihr Äußeres angeht, sehr kritisch zu sein. So wie sie sagt, legt er vor allem viel Wert auf schöne Haare, und er liebt blonde Frauen.“
Fred seufzte. Daher wehte also der Wind.
Am nächsten Freitag versuchte er, Daniela noch ein bisschen weiter auszuhorchen. Um ehrlich zu sein, Fred neigte dazu, immer alles ganz genau wissen zu wollen. Daniela antwortete ihm so ausweichend wie möglich.
Wie Ruths neuer Freund aussah, fragte er sie zum Beispiel.
„Ganz normal.“
„Was ist er denn von Beruf?“
„Irgendwas Kaufmännisches.“
„Und wo hat sie ihn kennen gelernt?“
„Am Arbeitsplatz.“
Für Freds Geschmack waren all diese Antworten viel zu ungenau, aber für den Augenblick musste er sich damit zufrieden geben, denn es war kurz vor zwei, und Ruth war bereits im Anmarsch. Gerade überquerte sie die Straße gegenüber seinem Frisiersalon.
Fred grauste es, wenn er daran dachte, was auf ihn zukam. Heute würde es wahrscheinlich wieder besonders schlimm werden, denn es stand ein Haarschnitt auf dem Programm. Wenn Ruth eine neue Frisur wünschte, brauchte man nicht nur Kamm und Schere, sondern man hätte eigentlich auch Gerätschaften wie Winkelmesser, Millimetermaß, Wasserwaage, Lupe und dergleichen nötig.
„Am Wirbel auf dem Oberkopf fällt die Frisur wieder auseinander. Und es stehen auch noch ein paar kleine Haare hoch.“
„Das Haar über dem linken Ohr ist etwas kürzer als das über dem rechten. Außerdem haben Sie mir die Spitzen nicht gleichmäßig geschnitten.“
„Der Pony ist noch zu lang. – Vorsicht! – Oje! Jetzt ist er zu kurz geraten.“
„Die Linie im Nacken verläuft nicht ganz gerade. – Aber nicht zu viel abrasieren!“
„Diese Strähne liegt falsch. – Nein, so geht es auch nicht!“
Man musste wirklich eine Menge Geduld aufbringen.
Freds Mut sank noch mehr, als Ruth gut gelaunt das Geschäft betrat und ihm zurief: „Heute müssen Sie sich besondere Mühe geben, Fred! Es ist nämlich ganz wichtig, dass ich heute Abend gut aussehe! Also strengen Sie sich an!“
„Als ob ich das nicht immer täte!“, dachte Fred, während sich seine Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten. Schnell steckte er sie in seine Kitteltaschen.
„Was haben Sie denn vor?“, erkundigte er sich höflich, während er ihr den Frisierumhang umlegte.
„Ich gehe aus!“, erzählte Ruth stolz. „Und ich werde eine ganze Menge wichtiger Leute treffen.“
Daniela seufzte. Auch sie würde froh sein, wenn dieses Ereignis endlich vorüber war und Ruth mal wieder von etwas anderem sprach! Langsam gingen ihr die Beratungen über Garderobe und Frisur und vor allem die Diskussionen, wie bedeutsam der Abend für die gesamte Beziehung war, ganz gehörig auf die Nerven.
„Er ist ja so anspruchsvoll!“, seufzte Ruth häufig. „Aber das ist ja auch kein Wunder bei einem Mann in seiner Stellung!“
Ruth war von diesem Mann und seiner Stellung wie geblendet.
„Stell dir vor, die ganze Firma wird er mal erben!“, sagte sie oft. „Natürlich braucht er da eine Partnerin, die etwas darstellt und die repräsentieren kann!“
Ruth hatte keine Zweifel, dass sie genau diese Partnerin war, vorausgesetzt – ja vorausgesetzt, dass Fred seine Arbeit ordentlich machte.
An diesem bedeutsamen Freitag wollte Ruth helle Strähnchen gemacht bekommen. Aber schon als Fred einzelne dünne Haarsträhnen durch die Plastikhaube zog und anschließend die Farbe auftrug, die er immer speziell für sie mischte, hatte er ein ganz ungutes Gefühl. Seine Befürchtungen verstärkten sich, als er ihr die Haare danach wusch und mit einem Handtuch trocknete. Auch Ruths Blick wurde noch ein wenig kritischer als sonst. Sie sagte aber noch nichts.
Die Frisur, die Ruth sich wünschte, beschrieb sie als „geometrische Gelfrisur“. Dabei überließ sie es Fred, diesen Ausdruck zu interpretieren und umzusetzen. Aber schon während er daran arbeitete, beschlichen ihn wieder diese bösen Vorahnungen.
Während des Schneidens schloss Ruth zum Glück immer die Augen. Als er zum Fönen überging, beobachtete sie ihn jedoch scharf im Spiegel, und er glaubte zu bemerken, wie sich ihr Blick bereits leicht umflorte.
Noch beunruhigender wurde die Situation, als er mit Gel an den Fingern „Akzente setzte“, wie sie es nannte. Ihr Atem ging schneller, und Entsetzen begann sich mehr und mehr in ihrem Gesicht abzuzeichnen.
Fred musste zugeben, dass sie nicht ganz Unrecht hatte. Heute war anscheinend nicht sein Tag. Sie hatte nach einem Frisörbesuch wirklich schon mal besser ausgesehen. Viel besser sogar!
Er hatte ihr zu viele und zu helle Strähnen gemacht, so dass ihr Haar insgesamt fast weiß erschien. Der Kontrast zu dem sonnenstudiogebräunten Gesicht war zu stark ausgeprägt. Die Haare hatte er ihr rundherum zu kurz geschnitten, und es war ihm wieder einmal nicht gelungen, den Wirbel auf dem Oberkopf zu kaschieren. Die Gelsträhnen standen wie Stacheln von ihrem Kopf ab, so dass sie aussah wie ein unglücklicher alter Igel.
Ruth starrte in den Spiegel. Ihre Lippen begannen zu zittern. Dann gellte ein Schrei durch den kleinen Salon: „Sie haben mich verunstaltet!“ Und schon stürzten die ersten Tränen aus ihren Augen.
Daniela, die gerade einer alten Dame die Haare aufdrehte, wandte sich um. Sie hatte schon den Mund geöffnet, um ihre Freundin zu beruhigen, aber als sie Ruth sah, schloss sie ihn wieder. Ruth vergrub das Gesicht in ihren Händen und begann, hemmungslos zu schluchzen. Fred stand hilflos dabei. Die schwerhörige alte Dame las seelenruhig weiter in ihrer Frauenzeitschrift.
„Beruhige dich doch!“, sagte Daniela beschwichtigend, als sie sich etwas gefasst hatte. „Morgen kann deine Frisur schon ganz anders aussehen.“
„Morgen! Morgen ist es zu spät!“, jammerte Ruth. „Heute will er mich seinen Freunden vorstellen! Aber so kann ich doch niemandem unter die Augen treten!“
„Die Frisur ist doch ganz pfiffig“, sagte Fred wenig überzeugt.
„Er wird sich für mich schämen“, weinte Ruth. „Und vielleicht verlässt er mich jetzt sogar.“
„Wer könnte Sie denn verlassen!“, sagte Fred, aber in der allgemeinen Verzweiflung verpuffte sein Charme völlig wirkungslos.
„Nun warte doch erst einmal ab!“, sagte Daniela mit einer Spur Ungeduld in der Stimme. Sie fand zwar auch, dass Ruths Frisur alles andere als überwältigend war, aber es gab nun wirklich Schlimmeres. „Wer weiß“, fuhr sie fort, „vielleicht gefällt ihm ja deine Frisur sogar.“
Ruth sah auf die Uhr. „Ich muss mich beeilen“, stieß sie unter Schluchzen hervor. „Mein ganzes Make-up ist ja auch hin.“ Tatsächlich lief ihr Wimperntusche in zwei schwarzen Rinnsalen die Wangen hinunter.
Fred hatte ein richtig schlechtes Gewissen, als er ihr für den seelischen Schmerz, den er ihr zugefügt hatte, auch noch Geld abnahm. Nur Augenblicke später verließ ein unglücklicher Igel den Frisiersalon, wo ein unglücklicher Frisör und seine ebenfalls unglückliche Angestellte zurückblieben. Nur die alte Dame fühlte sich in dem Salon wie immer rundum wohl.
Am Sonntagmorgen hielt Fred es nicht länger aus. Er rief bei Daniela an.
„Hast du was von deiner Freundin gehört?“, fragte er.
„Ja. Sie ist abends wie geplant mit diesem Mann ausgegangen, und er hat sie seinen Freunden vorgestellt.“
„Und?“
„Was ‚und‘?“
„Hat jemand was über ihre Haare gesagt?“
„Zunächst nicht.“
„Was heißt das? Nun erzähl doch mal!“
„Zunächst hat Ruths Freund nichts gesagt. Dann hat sie ihn gefragt, ob ihm nichts auffiele. Ihm fiel aber nichts auf.“
„Und dann?“
„Dann hat sie ihm erzählt, dass sie beim Frisör war.“
„Du meine Güte! Und was hat er dann gesagt? Nun lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!“
„Er hat nicht viel gesagt. Es war wohl so etwas wie: ‚Oh, du warst beim Frisör? Das fällt gar nicht auf!'“
„Kaum zu glauben! Und seine Freunde?“
„Die fanden ihre Gelfrisur wohl besonders apart.“
Jetzt fing Daniela an zu lachen, und Fred stimmte erleichtert mit ein.
„Für Ruth ist die Welt wieder in Ordnung.“, sagte Daniela. „Freitag in einer Woche kommt sie wieder.“
„Ich kann es kaum erwarten!“, sagte Fred, „Und wenn ich es mir genau überlege, hätte ich für diese besonders aparte Gelfrisur eigentlich noch einen Zuschlag verlangen sollen.“

*

Eine weitere Geschichte von Freds Kundinnen, nämlich „Freds jüngste Kundin“ finden Sie in dem Buch
Abenteuer im Frisiersalon
Abenteur im Frisiersalon
Dr. Ronald Henss Verlag

 

***
Stichwörter:
Kurzgeschichte, Eva Markert, Friseur, Friseurgeschichte, Haare, Frisur, Kundin

Eva Markert: Papa ist in Afrika

Papa ist in Afrika

© Eva Markert

„Wo ist denn Papa?“, fragte der kleine Junge. Er hatte ein paar Tage bei der Großmutter verbracht. Aus großen dunklen Augen sah er seine Mutter an.
„In Afrika.“
„Und was macht er da?“
„Arbeiten. Er ist auf Geschäftsreise.“
„Wann kommt er denn wieder?“
„Sehr lange nicht.“
Tom schwieg. Er kannte das schon. Sein Papa war oft auf Reisen, und man wusste nie genau, wann er zurückkommen würde.
„Wo ist eigentlich Afrika?“, fragte er, als sie beim Abendessen saßen. Die Mutter legte das Besteck aus der Hand und schob ihren Teller von sich weg.
„Die Erde ist eine große Kugel“, erklärte sie. „Und mitten auf dieser Kugel, da liegt Afrika.“
„Und wie sieht es da aus?“
„Das weißt du doch. Papa hat dir schon oft davon erzählt.“
„Er hat gesagt, dass es in Afrika ziemlich heiß ist. Und dass es da nicht oft regnet, aber wenn, dann ganz lange. Und da sind Urwälder und Wüsten und viele wilde Tiere.“
„Na siehst du! Du weißt schon gut Bescheid!“
Tom fiel ein, dass er sogar ein Bilderbuch über Afrika besaß. Besonders der Dschungel und die Tiere hatten es ihm immer angetan. Irgendwo musste das Buch sein. Gleich morgen wollte er es suchen.
Nach dem Essen brachte seine Mutter ihn ins Bett. Sie sprach heute Abend nur sehr wenig mit ihm. Es war richtig still in der Wohnung.
„Warum ruft Papa uns eigentlich nicht an?“, fragte Tom.
„Im Urwald gibt es keine Telefone.“
„Aber Papa hat doch ein Handy!“
„Im Urwald gibt es auch keinen Strom. Deshalb kann Papa sein Handy nicht aufladen.“
Papa rief eigentlich immer an, wenn er auf Reisen war. Aber seine Firma hatte ihn ja auch noch nie nach Afrika geschickt.
Tom lag im Bett und stellte sich vor, wie Papa im Urwald mit einer großen Schlange kämpfte. Sie legte sich um seinen Hals und wand sich um seine Brust, aber er war stark, viel stärker als eine Schlange. Tom hatte keine Angst. Sein Papa würde die Schlange besiegen.
Am nächsten Morgen sagte die Mutter, sie hätte sehr viel zu tun. Sie brachte Tom nicht in den Kindergarten, sondern zu Frau Schubert, die nebenan wohnte. Als er mittags nach Hause kam, erschien ihm die Wohnung anders als sonst. Und bald merkte er auch, woran das lag. Alle Sachen von Papa waren fort: die Pfeifen im Wohnzimmer, die Bücher auf seinem Nachttisch, und als Tom den Kleiderschrank öffnete, sah er, dass auch Papas Hosen und Hemden verschwunden waren.
„Wo sind Papas Sachen?“, fragte er.
„Er hat sie mitgenommen.“
„Alles?“
„Ja. Du weißt ja, er bleibt sehr lange fort.“
„Aber warum kommt er uns nicht mal besuchen?“
„Afrika ist viel zu weit. Und eine Reise im Flugzeug ist teuer.“
„Dann könnte er doch mit dem Schiff fahren.“
„Das ist auch teuer und dauert zu lang. Papa hat nicht so lange Urlaub.“
Tom war traurig. Er hatte heute bei Frau Schubert ein besonders schönes großes Bild vom Urwald gemalt. Das hätte er Papa gern geschenkt. Aber er konnte es ja für ihn aufheben.
Am Nachmittag hatte die Mutter auch keine Zeit für ihn, weil sie alles, was sie hatten, in Kisten packen musste.
„Warum tust du das?“, fragte Tom.
„Weil wir in die Stadt ziehen.“
„Warum?“
„Weil ich wieder arbeiten will. Und dort ist es leichter, eine Stelle zu bekommen.
„Du musst gleich an Papa schreiben. Er weiß doch nicht, dass wir umziehen. Und nachher findet er uns nicht, wenn er wiederkommt.“
Die Mutter antwortete nicht sofort. „Papa reist die ganze Zeit in Afrika herum“, sagte sie schließlich. „Deshalb kann ich ihm auch nicht schreiben. Ich wüsste nicht, wohin ich den Brief schicken sollte.“
Tom dachte wieder an die Bilder in seinem Afrikabuch.
„Ist er gerade in einem Negerdorf?“, fragte er.
„Schon möglich.“
Tom ging in sein Zimmer, um das Buch zu suchen. Er wollte sich das Negerdorf noch einmal genau ansehen. Da gab es einen Medizinmann, der alle wieder gesund machen konnte, und den Häuptling. Der Häuptling war so etwas wie ein König. Alle gehorchten ihm. Vielleicht war Papa Medizinmann in solch einem Dorf geworden. In dem Labor, wo er arbeitete, hatte er ja schließlich immer nach einer neuen Medizin gesucht. Oder er war Häuptling geworden und alle bewunderten ihn und mussten tun, was er sagte, so wie die Leute im Labor.
Er fand das Buch über Afrika und nahm es mit, als seine Mutter ihn nachmittags wieder zur Nachbarin brachte. Frau Schubert las ihm alles vor, was darin stand, und sah sich mit ihm zusammen die Bilder an. Als Tom ihr erzählte, dass sein Papa in Afrika und dort vielleicht Medizinmann oder Häuptling war, strich sie ihm über seine dunklen Locken und sah ihn dabei so merkwürdig an. Oder bildete er sich das nur ein?
Als er abends nach Hause kam, war die Wohnung schon ziemlich leer. Richtig schrecklich. Tom wurde traurig, als er das sah. Zum Glück war sein Bett aber noch genauso gemütlich wie vorher.
„Eins verstehe ich nicht“, sagte er, als seine Mutter ihn warm zudeckte. „Warum hat Papa mir nicht auf Wiedersehen gesagt? Das tut er doch immer, bevor er verreist.“
„Er musste ganz plötzlich fort und er wusste, dass er sehr, sehr lange wegbleiben würde. Er wollte nicht, dass du traurig wirst.“
„Ich bin aber traurig!“, sagte Tom.
Seine Mutter gab ihm einen Kuss. „Weißt du was?“, schlug sie vor, „Am besten denkst du gar nicht mehr an ihn. Dann wird dir die Zeit nicht lang und das Warten fällt dir nicht mehr so schwer.“
Aber Tom konnte nicht so einfach aufhören, an ihn zu denken. Oft lag er in seinem Bett und stellte sich vor, welche Abenteuer Papa in Afrika gerade erlebte. Er kämpfte sich durch den Urwald, fand Gold in einem Fluss und ritt auf einem Kamel durch die Wüste. Oder er ging auf die Jagd und schoss viele Löwen tot. Tom konnte Löwen nicht leiden, weil sie Menschen und Tiere fraßen. Und zwischendurch machte Papa kranke Leute wieder gesund mit seiner neuen Medizin. Vielleicht war er schon ein berühmter Mann geworden in Afrika!
Tom und seine Mutter zogen um, und schon bald gefiel es ihm sehr gut in der anderen Wohnung. Mit der Zeit dachte er tatsächlich viel weniger an seinen Vater. Aber eines Nachmittags, als er vom Spielplatz hinter dem Haus kam, traf er eine Frau, die er noch von früher kannte.
„Tom!“, rief sie. „Was für ein Zufall, dass ich dich hier treffe! Wie geht es euch denn?“
„Uns geht es gut“, erzählte Tom. „Ich bin im Kindergarten, Mama geht zur Arbeit und Papa ist in Afrika.“
„Wieso sagst du, er ist in Afrika?“, fragte die Frau erstaunt.
„Weil er in Afrika ist.“
„Hast du dir das ausgedacht oder hat deine Mama das erzählt?“
„Meine Mama hat das gesagt, und wenn sie was sagt, dann stimmt es auch.“ Toms Augen füllten sich mit zornigen Tränen. Es ärgerte ihn maßlos, dass diese Frau ihm anscheinend nicht glauben wollte.
„Na, dann grüß die Mama mal von mir“, sagte sie und ging schnell weiter.
Tom lief nach Hause. Als seine Mutter hörte, was die Frau gesagt hatte, wurde sie sehr, sehr böse. „So eine dumme Person!“, schimpfte sie, und plötzlich liefen auch ihr Tränen über das Gesicht.
„Weine nicht, Mama“, tröstete Tom sie. „Bald kommt Papa bestimmt wieder zurück zu uns. Er ist doch schon so lange fort.“
Danach redeten sie eine ganze Zeit nicht mehr von Papa. Stattdessen sprachen sie vom Kindergarten, von Toms neuen Freunden und ein bisschen von Mamas Arbeit. Auch wenn Tom abends im Bett lag, dachte er nur noch selten an Papa und an Afrika.
Aber eines Morgens, als er mit seiner Mutter in den Bus stieg, weil sie in der Innenstadt etwas besorgen wollten, blieb er wie angewurzelt mitten im Gang stehen. „Da ist Papa!“, schrie er aufgeregt und zeigte auf einen Mann, der weiter hinten saß. Dann riss er sich los und rannte auf ihn zu. Der Bus fuhr sehr plötzlich an, sodass Tom dem Mann direkt in die Arme fiel.
Natürlich war es nicht Papa. Er sah nur so aus, weil er ganz ähnliche Haare und Augen hatte. Der fremde Mann lachte Tom und seine Mutter an und seine weißen Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht.
„Kennst du vielleicht meinen Papa?“, fragte Tom.
„Nein. Warum du glauben, ich kenne ihn?“
Der Mann sprach sehr merkwürdig.
„Weil du aus Afrika kommst.“
„Du denken, weil ich bin schwarz? Ich nicht kommen von Afrika. Ich kommen von Amerika.“
„Entschuldigen Sie“, sagte die Mutter und zog Tom mit sich fort zu einem anderen Sitz. Unablässig starrte Tom den Mann an. Mit seinem breiten Rücken und den krausen schwarzen Haaren sah er von hinten wirklich genauso aus wie Papa.
Nach dem Einkauf machte die Mutter ihr verheißungsvolles Gesicht. „Und jetzt“, sagte sie, „weil du so lieb gewesen bist, spendiere ich dir einen riesengroßen Eisbecher.“ Tom zögerte. Er aß für sein Leben gern Eis. Aber…
„Kannst du mir lieber das Geld geben?“, bat er.
„Möchtest du dir etwas anderes kaufen?“
„Nein, ich will es in meine Spardose tun.“
„Wofür sparst du denn?“
„Ich will bald nach Afrika fahren, Papa besuchen. Mit dir. Und ich habe auch schon ganz viel Geld zusammen.“
Was Tom da sagte, schien die Mutter sehr traurig zu machen. Und sie hatte nun auch keine Lust mehr, ins Eiscafé zu gehen. Auf der ganzen Rückfahrt sprach sie kaum ein Wort.
Zu Hause holte Tom sofort seine Spardose. Sie war schon richtig schwer. Er wollte sie Mama zeigen. Seit Papa nach Afrika gefahren war, hatte er fast jeden Cent hineingetan, den er geschenkt bekam. Sicher reichte es schon bald für die Reise.
Die Mutter saß auf dem Sofa. „Komm einmal her zu mir“, sagte sie zu Tom, „ich muss dir etwas erklären.“
Er stellte die große Spardose auf den Tisch und setzte sich neben sie. Die Mutter legte den Arm um ihn.
„Was ich dir jetzt erzähle, wirst du noch nicht verstehen. Vielleicht später einmal. Aber ich muss es dir trotzdem sagen.“
Tom sah sie ängstlich an. Seine Mutter machte ein so ernstes Gesicht. Sie räusperte sich mehrmals, ehe sie weitersprach.
„Papa ist nicht in Afrika“, sagte sie leise. „Er hatte einen Unfall. Es passierte, als du vor einiger Zeit ein paar Tage bei Oma warst.
„Und wo ist Papa jetzt?“, fragte Tom.
„Er ist tot.“
Tom konnte das gar nicht so richtig verstehen. Er wartete ab, was sie als Nächstes sagen würde.
„Ich habe gehofft“, fuhr die Mutter fort, „es wäre für dich nicht so schlimm, wenn ich dir erzähle, dass er in Afrika ist. Ich dachte, du würdest eine Zeit lang auf ihn warten, immer seltener an ihn denken und ihn schließlich fast vergessen. Und dann, irgendwann einmal, wenn du dich kaum noch an ihn erinnern kannst, wollte ich dir sagen, dass er tot ist.
Tom hatte auf einmal Angst. Tränen stürzten aus seinen Augen. „Ich will zu meinem Papa“, schluchzte er, „bitte, ich will zu meinem Papa!“ Mit zitternden Händen hielt er seiner Mutter die Spardose hin.
„Kein Geld der Welt kann uns zu deinem Papa bringen“, sagte sie. „Nur sein Grab können wir noch besuchen. Aber eines Tages, und darauf kannst du dich jetzt schon freuen, eines Tages werden wir beide nach Afrika fahren. Und dann wirst du das Land kennen lernen, aus dem er kam und das er so sehr geliebt hat. Das verspreche ich dir.“
„Machen wir das auch bestimmt?“, fragte Tom.
„Ganz bestimmt.“
„Und du lügst mich nicht an?“
„Ich lüge dich nie wieder an!“
Tom kletterte auf den Schoß der Mutter, schlang seine Arme um ihren Hals und presste sein nasses Gesicht an ihre Wange. „Dann kann ich ja das nächste Mal den Eisbecher nehmen“, sagte er.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Eva Markert, Papa, Afrika,

Nils Pickert: Olympisches Feuer

Olympisches Feuer

© Nils Pickert

antastbar - Die Würde des Menschen ...

Aus dem Politischen Testament: Mein Herz vermache ich dem Vaterland, meine Ehrbarkeit den Männern (sie können sie gebrauchen), meine Seele den Frauen, wahrlich keine beliebige Gabe.

Früher einmal hatte sie einen anderen Namen getragen. Aber das kleine Mädchen, das vom Mann ihrer Mutter an den Säufer Aubry verschachert worden war, existierte nicht mehr.
Marie war ein kraftloses, ungebildetes Kind gewesen, das mit seinem Körper dafür herhalten musste, den fettigen Wünschen eines alten Mannes Fleisch zu geben. Dann war Aubry im Alkohol und im Hochwasser ersoffen und Marie endlich frei sich zu nehmen, was ihr zustand. Eine Stimme. Eine Stadt. Einen Namen.
Sie war Olympe de Gouges. Und sie wusste, was geschehen würde. Dies war nicht das erste Revolutionsgefängnis, in das man sie geworfen hatte, und falls es ihr gelänge durchzuhalten, würde es nicht das letzte sein.
Als die drei Männer ihre Zelle betraten, biss sie sich auf die schmale Oberlippe und ballte die Fäuste hinter ihrem Rücken. Für einen kurzen Augenblick fand sie noch Zeit und Kraft, sich in Gedanken an ein okzitanisches Gebet ihrer Mutter zu klammern. Dann begann es.
Der Kleinste ging auf sie zu, während sich die anderen beiden im Hintergrund hielten und gleichgültig den Dreck aus den Ecken scharrten. Er fragte in unverschämtem Ton nach ihrem Namen, ihrer Herkunft und ob sie nicht um den rechten Platz für eine Frau wisse. Sie antwortete, dass es dieser hier gewiss nicht sei und wich die wenigen Schritte zurück, die zwischen ihr und der Wand lagen. Der Frager lächelte. Noch bevor sie die Wand erreichte, sprang er mit einem gewaltigen Satz nach vorn und rammte sie krachend gegen das Mauerwerk. Der Aufprall betäubte ihre Muskeln. Wie Spucke glitt sie an den Steinen zu Boden, wo sich der Angreifer über sie hermachte. Er stieß ihr das Knie zwischen die Beine und drosch wie von Sinnen auf ihre nackten Brüste ein, während er unablässig „Hure! Hure!“ brüllte. Dann überließ er sie den anderen und begnügte sich damit, sie mit Stiefeln zu treten, während seine Kumpanen über sie herfielen.
Es konnte nicht ewig so weitergehen. Es wird nie aufhören. Es konnte nicht ewig so weitergehen. Es wird nie aufhören. Es konnte nicht …
„Du freust dich sicher, dass wir dir den Platz zugewiesen haben, den einzunehmen dir entfallen war.“
Sie atmete schwer. Ihre Seele raste durch den geschundenen Körper, um die Fesseln zu zerschlagen, die sie an diesen blutenden, in Fetzen gerissenen Stoff ketteten. Schließlich fand sie unter dem Herzen ein angebrochenes Gebet und trank es zitternd bis zur Neige.
„Gewiss! So wie ihr euch darüber freuen werdet, wenn andere Männer dies mit euren Müttern, Frauen und Töchtern tun. Solange ihr glaubt, mir meinen Platz zuweisen zu müssen, wird es Männer geben, die mit euren Frauen gerne in gleicher Weise verfahren werden.“
Der Kleine schluckte, aber die anderen zogen ihn mit sich nach draußen. Dann fiel die Gittertür ins Schloss.

An einem kalten Sonntagmorgen im November stand Olympe völlig entkräftet auf dem Platz der Einheit und blickte auf das Fallbeil, das in der Sonne glitzerte. Die Männer, die sie umringten, starrten sie voller Verachtung an, verschränkten ablehnend die Arme oder stemmten herausfordernd die Hände in die Hüften. Einige aber waren irritiert über die unendliche Zärtlichkeit, mit der sie sich an denjenigen schmiegte, der sie zur Guillotine führte. Mit all ihrem Wesen war sie bei ihrem Sohn Pierre, der zu einem Leben gehörte, von dem man sie abschneiden würde. Sie roch den Schweiß auf dem Arm des Mannes, der sie stützte, und fühlte die behutsame Kraft, mit der er ihr den Weg wies. So hatte sie es sich nicht vorgestellt. In all der Zeit in den Revolutionsgefängnissen hatte sie sich stets stolz auf die Menge einreden und wie eine Furie rasen sehen. Doch alles, was ihr an Kraft geblieben war, floss durch den stützenden Arm des Fremden. Dann kam auch dieses Letzte in ihr zum Erliegen.
Kurz bevor ihr Hals in die Lünetten der Kurzmacherin gebeugt wurde, sah sie das Licht, das sich an der schrägen Klinge in Farbmyriaden brach.
„Ich habe gebrannt“, dachte sie.

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antastbar - Die Würde des Menschen ...
antastbar
Die Würde des Menschen
Dr. Ronald Henss Verlag
Taschenbuch und eBook

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